30. Januar 2012

Königsmörder - Gedanken über ein Gedicht auf Karl I.

Sir Anthonis van Dyck, Portrait des britischen Königs Charles I., 1636

Karl I.
Im Wald, in der Köhlerhütte, sitzt
Trübsinnig allein der König;
Er sitzt an der Wiege des Köhlerkinds
Und wiegt und singt eintönig:

»Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
Es blöken im Stalle die Schafe -
Du trägst das Zeichen an der Stirn
Und lächelst so furchtbar im Schlafe.

Eiapopeia, das Kätzchen ist tot -
Du trägst auf der Stirne das Zeichen -
Du wirst ein Mann und schwingst das Beil,
Schon zittern im Walde die Eichen.

Der alte Köhlerglaube verschwand,
Es glauben die Köhlerkinder -
Eiapopeia - nicht mehr an Gott,
Und an den König noch minder.

Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh -
Wir müssen zuschanden werden -
Eiapopeia - im Himmel der Gott
Und ich, der König auf Erden.

Mein Mut erlischt, mein Herz ist krank,
Und täglich wird es kränker -
Eiapopeia - du Köhlerkind,
Ich weiß es, du bist mein Henker.

Mein Todesgesang ist dein Wiegenlied -
Eiapopeia - die greisen
Haarlocken schneidest du ab zuvor -
Im Nacken klirrt mir das Eisen.

Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
Du hast das Reich erworben,
Und schlägst mir das Haupt vom Rumpf herab -
Das Kätzchen ist gestorben.

Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
Es blöken im Stalle die Schafe.
Das Kätzchen ist tot die Mäuschen sind froh -
Schlafe, mein Henkerchen, schlafe!«

Dieses balladeske Selbstgespräch eines Königs hat Heinrich Heine verfasst; es ist drei Jahre nach der 48er Revolution in seinem Romanzero erschienen.

Auf den ersten Blick erscheinen die Worte des seinen baldigen Tod ahnenden Königs absurd anachronistisch: Was immer man über die britischen Königsmörder denken mag, Köhlerkinder waren sie ebenso wenig wie Atheisten.

Die da über ihren König zu Gericht saßen, gehörten zur winzigen wahlberechtigten Schicht aus kleinen Adeligen, Patriziern und Geistlichen (das Urteil wurde übrigens nur vom House of Commons ohne Beteiligung des House of Lords gefällt, und das Parlament war zuvor  mit Gewalt von seinen königstreuen Mitgliedern gereinigt worden).

Und ganz gewiss waren diese Männer keine Atheisten. Sie verstanden sich als Gottesstreiter und den Königsmord als gerechte Strafe für einen eidbrüchigen Verräter.

Kein Geringerer als der Autor von "Paradise Lost" hat die Absetzung und Hinrichtung des König seinerzeit verteidigt. Er sah Gotteslästerung in dem Anspruch der Stuarts, Könige von Gottes Gnaden und nur diesem zur Rechenschaft verpflichtet zu sein.

Für Milton ist ein König nichts anderes als ein vom Volk bestellter Diener des Volkes:
"The power of Kings and Magistrates is nothing else, but what is only derivative, transferr'd and committed to them in trust from the People, to the Common good of them all, in whom the power yet remaines fundamentally, and cannot be tak'n from them, without a violation of thir natural birthright." (The Tenure of Kings and Magistrates, 1650)
Wie jeder ist auch das Staatsoberhaupt an die Gesetze des Landes (und Gottes Gebote) gebunden und dem Volk zur Rechenschaft verpflichtet:
"To say Kings are accountable to none but God, is the overturning of all Law and government. For if they may refuse to give account, then all cov'nants made with them at Coronation; all Oathes are in vaine, and meer mockeries, all Lawes which they sweare to keep, made to no purpose; for if the King feare not God, as how many of them doe not? we hold then our lives and estates, by the tenure of his meer grace and mercy, as from a God, not a mortal."
Und da der König vom Volk zum Schutz des Gemeinwohls eingesetzt worden ist, kann er vom Volk seines Amtes auch wieder enthoben werden:
"The King or Magistrate holds his autoritie of the people, both originaly and naturally for their good in the first place, and not his own, then may the people as oft as they shall judge it for the best, either choose him or reject him, retaine him or depose him though no Tyrant, meerly by the liberty and right of free born Men, to be govern'd as seems to them best."
Kurz: Über dem König steht das Gesetz, und Urheber des Gesetzes ist das vom Parlament vertretene gottesfürchtige Volk. Komme ein vom Parlament eingesetztes Gericht zu dem Urteil, der König habe seinen Eid gebrochen, ergehe zu Recht ein Todesurteil und das Volk sei frei, sich ein neues Staatsoberhaupt zu geben.

Keine Rebellion gegen einen durch Gott legitimierten Herrscher also, sondern die Absetzung eines blasphemischen Tyrannen hatten die britischen Revolutionäre im Sinn.

Dennoch sieht der deutsche Lyriker etwas Richtiges, wenn er Königsmord und Atheismus zusammendenkt.

Atheismus meinte im 17. Jahrhundert nämlich nicht die Leugnung der Existenz Gottes, sondern die Weigerung, seinen Geboten zu folgen.

Dies ist ganz biblisch. Wenn etwa der Psalmist von dem Toren spricht, der in seinem Herzen denkt, es sei kein Gott, so ist damit kein philosophischer Atheist gemeint, sondern ein Mensch, der nicht in der Furcht Gottes lebt.

Alle Macht aber kommt von Gott, und den von Gott eingesetzten Herrscher anzutasten, war in den Augen der Legitimisten eine frevelhafte Tat.

Nur in Klammern: Milton hat seinen epischen Satan später mit den Zügen eines menschlichen Tyrannen ausgestattet; seine Leser fanden diese Gestalt aber bei weitem attraktiver als den Gott, den der Dichter bekannte. Lord Byron, der Großvater aller späteren Satanisten, meinte sogar, Miltons Satan "led a noble revolt against political tyranny". Hier wird die Revolte, ganz gegen die Absicht des Dichters, bereits satanisch.

Wie dem auch sei, die regiziden Briten gaben der Welt ein Vorbild; und kaum einhundertfünfzig Jahre später zeigte sich, wie dieses Vorbild verstanden wurde.

Hatten die Briten noch gemeint, ihre gottgegebenen Rechte gegen einen Tyrannen zu verteidigen, deklarierten die Franzosen die droits de l'homme zu 'natürlichen und unantastbaren' Rechten des Menschen; und der Ursprung der Souveränität wurde nicht mehr in Gott gesehen, sondern beim Volk ("Le principe de toute souveraineté réside essentiellement dans la nation", Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen, Artikel 3, 1789).

Dass hier ein Widerspruch vorlag (entweder ist das Volk souverän, dann sind die Menschenrechte nicht unantastbar, oder sie sind es, dann ist das das Volk nicht souverän), wurde zwar geahnt, aber nur von wenigen begriffen - zu diesen wenigen gehörten die Päpste, die diese Lehre von den 'Menschenrechten' als Irrlehre verdammten:
"Aber kann man etwas Sinnwidrigeres ersinnen als eine solche Gleichheit und Freiheit aufzustellen? (...) Aus dem Inhalt ihrer Dekrete (ergibt sich) ein Widerspruch zum Recht des Schöpfers, durch den wir sind und dessen Großmut wir alles verdanken, was wir sind und haben." (Papst Pius VI, Quod Aliquantum, 1791)
Wiederum einhundertfünfzig Jahre später beklagte Papst Pius XII., die Lehre von der 'Volkssouveränität' habe (insbesondere in ihrer utilitaristischen Interpretation, die das Recht dem Nützlichen unterwirft) zu einer tiefgreifenden Verwirrung des Rechtsbewusstseins geführt:
„Die Heilung die­ses Zustandes ist dadurch zu er­reichen, dass das Bewußt­sein einer auf Gottes höchs­ter Herr­schaft beruhenden, jedweder mensch­lichen Willkür entzogenen Rechts­ordnung wie­­der­­er­weckt wird, einer Rechtsordnung, die ihre schützende und rächende Hand auch über die unverlierbaren Men­schenrechte breitet und sie dem Zugriff jeder mensch­lichen Macht ent­zieht. Aus der gottgesetzten Rechts­ordnung ergibt sich das un­ver­äußerliche Recht des Menschen auf Rechts­sicherheit und damit auf einen greif­ba­ren Rechtsbereich, der gegen jeden Angriff der Will­kür geschützt ist.“ (Weihnachtsansprache Pius XII., 1942)
Um auf Heine zurückzukommen: Er hat als Kind der Französischen Revolution wohl etwas gesehen, was seinen optimistischen Zeitgenossen noch verborgen blieb.

Seine späte Hinwendung zum Glauben ("Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet", Nachwort zum Romanzero) war deshalb nur folgerichtig.

Kommentare:

nk hat gesagt…

Sind die philosophischen Atheisten denn nicht auch aus freiem Willen Atheisten ?

Mein Eindruck ist, daß diese Herrschaften einfach zu stolz sind, um Gott zu akzeptieren und sich ihre Philosophie passend zusammenbasteln, sehr plausibel ist die nämlich nicht.

naturgesetz hat gesagt…

This is a good reminder that when we think of popular sovereignty, it must be understood as a relative, rather than an absolute sovereignty, a sovereignty which limits governments but which must be subject to the absolute sovereignty of God.

I don't think that God requires us to have kings, or makes them exempt from judgment if they violate the rights of the people or the constitutional order.

I understand that the Anglican church considers Charles a saint: King and Martyr.

Morgenländer hat gesagt…

"Stolz" (superbia) trifft es wohl:

"Wenn es Götter gäbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter." (Nietzsche, Also sprach Zarathustra)

In diesem sonderbaren Syllogismus enthüllt sich das ganze durchsichtige Geheimnis des philosophischen Atheimus.

Viele Grüße
Morgenländer

Morgenländer hat gesagt…

"I don't think that God requires us to have kings."

Well, the United States have done rather well without them, haven't they?

If you look at Germany on the other hand, I don't think the atrocities which we all complain would have happened under the reign of the Hohenzollern kings who were Christian princes whatever other shortcomings they may have had.

Kind regards
Morgenländer

Anonym hat gesagt…

ehmm sag mal gehts dir noch gut natürlich gibt es götter aber nur 1 gott und zwar ALLAH !!

Morgenländer hat gesagt…

@Anonym:

Für den Fall, dass dies ein ernstgemeinter Kommentar sein sollte, der Hinweis, dass Nietzsche hier nur zitiert wurde, um die Mentalität des Atheismus zu illustrieren.

Ach, und dann noch eine Bitte: es antwortet sich leichter auf anonyme Kommentare, wenn sich der andere einen Nick zulegt.