31. August 2011

Der Wiesenbewisperer

Große Bibernelle

In der vergangenen Woche hab' ich hier ein paar Worte über Gottfried Benn verloren, aber, ehrlich gesagt, gebe ich den ganzen Benn für eine Handvoll Gedichte von Wilhelm Lehmann.

Während die melodischen und suggestiven Verse Benns eigentlich immer hoch im Kurs standen, wird der spröde Lehmann nur von wenigen gelesen. Seine von Klett Cotta verlegte Werkausgabe ist zwar weiterhin lieferbar, doch Auswahl- und Taschenbuchausgaben gibt es schon seit Jahren nicht mehr.

Und wie schade ist das!

Unerklärlich sind die unterschiedlichen Geschicke nicht:

Benn bedient das metaphysische Bedürfnis der Deutschen; er ist, wenn man so will, der Schiller des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie der schwäbische Klassiker greift er philosophische Trends auf und verdichtet sie zu einprägsamen Versen. Gesungener Nietzsche, könnte man sagen, so wie Schillers Gedichte kantige Deklamationen sind.

Der Holsteiner Lehmann (1882 - 1964) ging andere Wege.

Er suchte die Poesie nicht in suggestiven Rhythmen und aufgeladenen Signalworten, sondern verstand Dichtung als das Zur-Sprache-Bringen der unscheinbaren natürlichen Welt. Nicht weniger philosophisch gebildet als Benn, misstraute er doch der Abstraktion und verließ sich auf den Sinn, der in den Dingen aufscheint:
"Die ganze Arbeit der Dichtung besteht darin, ihr Instrument, die Sprache, schon an sich kühlende Abstraktion, so zu führen, dass sie der sinnfälligen Tat der Welt gerecht werde, also der Tendenz zur Abstraktion entgegenwirke." (Werkausgabe, Band 6, S. 485)
Jeder, der viel mit Gedichten umgeht, hat vermutlich eine Handvoll 'Lieblingsgedichte', die ihn wie Talismane durch den Alltag begleiten. Oft tauchen sie in keinem Kanon deutscher Literatur auf, außer dem je eigenen.

Einer dieser persönlichen Talismane ist für mich seit dreißig Jahren Lehmanns
Oberon
Durch den warmen Lehm geschnitten
Zieht der Weg. Inmitten
Wachsen Lolch und Bibernell.
Oberon ist ihn geritten,
Heuschreckschnell.

Oberon ist längst die Sagenzeit hinabgeglitten.
Nur ein Klirren
Wie von goldnen Reitgeschirren
bleibt,
Wenn der Wind die Haferkörner reibt.
'Was aber bleibet, stiften die Dichter", schrieb Hölderlin vor etwas mehr als zweihundert Jahren; der Spätgeborene Lehmann antwortet ihm über die Jahrhunderte hinweg: Auch was bleibt, geht stiften.

Die Welt, die wir bewohnen, ist nie einfach gegeben; sie ist je schon gedeutete und als ausgesagte Sagen-Welt.

Diese 'Sagen', die der Welt Sinn und Richtung und uns Orientierung geben, wachsen auf einem Boden des Ungesagten, erst noch zu Sagenden.

Das Ungesagte Wort werden zu lassen, die "Antwort des Schweigens" (so der Titel des ersten von Lehmann veröffentlichten Gedichtbandes*) zu geben, sah Lehmann als Werk des Dichters.
"Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, dass alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer herrscht: das wäre gewissermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte."
Immer schon gab es Ideologen, Philosophen, Feuilletonisten und leider auch Dichter, denen kreatürlichen Respekt vor der Schöpfung zum Ausdruck zu bringen, als ein leichtgewichtiges, kleingeistiges Programm gilt (so schalt Benn die Naturlyriker aus Lehmanns Umkreis verächtlich  "Wiesenbewisperer").

Denen unter uns aber, die den megalomanischen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts misstrauen und die die Bewahrung der uns anvertrauten Schöpfung als anspruchsvolle Aufgabe begreifen, wird Wilhelm Lehmann ein verlässlicher Weggenosse sein.

*"Antwort des Schweigens" (heute in: Gesammelte Werke Bd. 1, Klett-Cotta, 1982) erschien 1935 im Widerstands-Verlag des Antifaschisten Ernst Niekisch. Man mag den Titel dieses Gedichtbandes auch als leise Kritik am Getöse der marschierenden Braunhemden deuten.

30. August 2011

Sahara


“If you put the federal government in charge of the Sahara Desert, in five years there would be a shortage of sand.” (Milton Friedman)

29. August 2011

Happy Birthday, Mr. McCain!

John McCain

Der republikanische Senator John McCain hat heute doppelten Grund zur Freude:

Nicht nur kann der amerikanische Politiker seinen 75. Geburtstag feiern, er hat auch die persönliche Genugtuung, den Tyrannen Muammar al-Gaddafi im Staub und die libyschen Freiheitskämpfer triumphieren zu sehen.

Vor fast genau sechs Monaten, am 22. April, besuchte McCain als führendes Mitglied des Senatskomittees für auswärtige Beziehungen die Rebellen-Hochburg Bengasi. Er forderte die NATO damals zu stärkerem militärischen Engagement und zur Anerkennung der Rebellen auf:

"They are my heroes", erläuterte er CNN.

John McCain hat das nicht einfach so dahin gesagt. Er kennt sich mit den Verhältnissen in Libyen aus:

Vor ziemlich genau zwei Jahren war er nämlich schon einmal dort, in Begleitung des demokratischen Senators Joseph Lieberman. Damals besuchten sie allerdings nicht Bengasi, sondern Tripolis.

Empfangen wurden sie dort von Muammar a-Gaddafi und seinem Sohn Mutassim, dem libyschen Sicherheitsberater.

Die Amerikaner lobten Libyens Engagement in der Terrorismus-Bekämpfung; die Gaddafis baten im Gegenzug um amerikanische Unterstützung bei der Aufrüstung der libyschen Armee.

John McCain sagte zu, die Dinge im Kongress voranzutreiben. Als besonders vielversprechende Kooperationsmöglichkeit sah der US-Senator die Ausbildung libyscher Offiziere an amerikanischen Militärschulen.

Happy Birthday, Mr. McCain (mein erster Geburtstagsgruß an einen Waffenhändler)!

28. August 2011

St. Saviour's, Aberdeen Park, Highbury, London, N. (Sir John Betjeman)

St. Saviour's Church, Aberdeen Park (Foto: geograph.org)

Heute ist nicht nur der Geburtstag des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang v. Goethe, sondern auch der des britischen Lyrikers Sir John Betjeman (1906 - 1984), dem Jay auf seinem Blog "silvae" einen sehr schönen Beitrag gewidmet hat.

Betjemans Gedichte sind in ihrer Liebe zu Land und Leuten, ihrer tief empfundenen Gläubigkeit und in ihrem Humor sehr typisch englisch; nicht ohne Grund ist der Poet Laureate auch heute noch einer der meistgelesenen Dichter in Großbritannien.

Dass er hierzulande recht unbekannt geblieben ist, ist schade.

Das nachstehende Gedicht Betjemans hat mir, auch wenn mein persönlicher Hintergrund ein anderer ist als der des gutbürgerlichen Anglokatholiken Betjeman, immer viel bedeutet:

St. Saviour's, Aberdeen Park, Highbury, London, N.

With oh such peculiar branching and over-reaching of wire
Trolley-bus standards pick their threads from the London sky
Diminishing up the perspective, Highbury-bound retire
Threads and buses and standards with plane trees volleying by
And, more peculiar still, that ever-increasing spire
Bulges over the housetops, polychromatic and high.

Stop the trolley-bus, stop! And here, where the roads unite
Of weariest worn-out London - no cigarettes, no beer,
No repairs undertaken, nothing in stock - alight;
For over the waste of willow-herb, look at her, sailing clear,
A great Victorian church, tall, unbroken and bright
In a sun that's setting in Willesden and saturating us here.

These were the streets my parents knew when they loved and won -
The brougham that crunched the gravel, the laurel-girt paths that wind,
Geranium beds for the lawn, venetian blinds for the sun,
A separate tradesmen's entrance, straw in the mews behind,
Just in the four-mile radius, where hackney carriages run
Solid Italianate houses for the solid commercial mind.

These were the streets they knew ; and I, by descent, belong
To those tall neglected houses divided into flats
Only the church remains, where carriages used to throng
And my mother stepped out in flounces, and my father stepped out in spats
To shadowy stained-glass matins, or gas-lit evensong
And back in a country quiet with doffing of chimney hats.

Great red church of my parents, cruciform crossing they knew -
Over these same encaustics they and their parents trod
Bound through a red-brick transept for a once familiar pew
Where the organ set them singing and the sermon let them nod
And up this coloured brickwork the same long shadows grew
As these in the stencilled chancel where I kneel in the presence of God.

aus: Sir John Betjeman, Collected Poems, John Murray Publishers 2003

Wagnis (John Henry Newman)

Hl. John Henry Newman (1801 - 1890)

"This is the question: What have we ventured?

I really fear, when we come to examine, it will be found that there is nothing we resolve, nothing we do, nothing we do not do, nothing we avoid, nothing we choose, nothing we give up, nothing we pursue, which we should not resolve, and do, and not do, and avoid, and choose, and give up, and pursue, if Christ had not died, and heaven were not promised us.

I really fear that most men called Christians, whatever they may profess, whatever they may think they feel, whatever warmth and illumination and love they may claim as their own, yet would go on almost as they do, neither much better nor much worse, if they believed Christianity to be a fable.

When young, they indulge their lusts, or at least pursue the world's vanities; as time goes on, they get into a fair way of business, or other mode of making money; then they marry and settle; and their interest coinciding with their duty, they seem to be, and think themselves, respectable and religious men; they grow attached to things as they are; they begin to have a zeal against vice and error; and they follow after peace with all men.

Such conduct indeed, as far as it goes, is right and praiseworthy. Only I say, it has not necessarily any thing to do with religion at all; there is nothing in it which is any proof of the presence of religious principle in those who adopt it; there is nothing they would not do still, though they had nothing to gain from it, except what they gain from it now: they do gain something now, they do gratify their present wishes, they are quiet and orderly, because it is their interest and taste to be so; but they venture nothing, they risk, they sacrifice, they abandon nothing on the faith of Christ's word."
(The Ventures of Faith, in: Parochial and Plain Sermons, Volume 4, 1839)

Wer nur den lieben Gott lässt walten (Georg Neumark)

Johann Ludwig Ernst Morgenstern: Das Innere einer gotischen Kirche (1793)

Wer nur den lieben Gott läßt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderlich erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

Was helfen uns die schweren Sorgen?
Was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, daß wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.


26. August 2011

Umerziehung des Gefühls: Der totalitäre Antifaschismus der Frankfurter Schule

Adorno: Die bürgerliche Familie ist eine Keimzelle des Faschismus

Neulich habe ich hier Briefe Th. W. Adornos an seine Mutter zitiert, die den Hausgötzen des linken Bildungsbürgertums in unschönem Lichte zeigen. So abstoßend die Zitate sind, die der Öffentlichkeit erst 2003 bekannt wurden, konnten sie doch niemand überraschen, der sich mit dem Werk Adornos beschäftigt hat, denn Adorno hat aus seiner elitären Menschenverachtung nie einen Hehl gemacht, wie dieser Aphorismus aus den 1951 erschienenen "Minima Moralia" zeigt:
"Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen."
Dass Adorno die Idealbesetzung für den Posten des politischer Kommissars für das Erziehungswesen gewesen wäre, beweist die von einem Team* unter seiner Leitung verfasste Studie "The Authoritarian Personality", die 1950 vom American Jewish Committee veröffentlicht wurde.

In diesem Werk gehen Freudianismus und freudloser Marxismus eine ungute Ehe ein**. Ihre uns auch heute noch tyrannisierenden Kinder sind staatliche 'Gesellschaftspolitik' und politisierte Pädagogik. Beide dienen dem gleichen Ziel: der Revolution auf Samtpfoten, die an die Stelle der Arbeiterrevolution treten soll. 

Bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts war jedem Denkenden klar, dass der klassische Marxismus als Theorie sozialen, ökonomischen und politischen Handelns versagt hatte. Der von Marx prognostizierte Zusammenbruch des Kapitalismus war ebenso ausgeblieben wie die 'Verelendung' der wachsenden Arbeitermassen. Wichtiger noch: Die Arbeiter weigerten sich hartnäckig, die Rolle einer revolutionären Kraft zu spielen, die Marx ihnen zugeschrieben hatte. Und wenn sie sich tatsächlich einmal in Marsch setzten, dann erklang nicht die "Internationale", sondern die "Wacht am Rhein" (um von anderen Liedern hier zu schweigen).

Der Marxismus-Leninismus verzichtete deshalb darauf, die Massen zu organisieren, und suchte sein Heil im Putschismus: Eine kleine gewaltbereite Elite (die 'Partei') führt die Arbeiter - auch gegen deren erklärten politischen Willen - in die Revolution. Die 'Diktatur des Proletariats' wurde zur Diktatur über das Proletariat.

Gerechtfertigt wurde dieser Schwenk mit der These, dass sich die Arbeiter über ihre 'wahren' Interessen täuschen und dass nur eine kleine Minderheit in der Lage ist, den Charakter des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie zu durchschauen. Die verblendeten Massen müssen zu ihrem Glück gezwungen werden***.

Diese Analyse wurde von den 'Frankfurtern' geteilt (Adorno und Horkheimer waren - zumindest bis in die vierziger Jahre hinein - Leninisten) und gleichzeitig radikalisiert:

Während der klassische Marxismus seine Angriffe auf Kapital und Staat konzentrierte, sahen die Frankfurter in der 'bürgerlichen Familie' eine weitere Verderben bringende Institution: Hier wurde das Kind in die moralische Ordnung eingeführt; hier lernte es, die Normen der bürgerlichen Gesellschaft zu respektieren; hier wurden die Denk- und Verhaltensweisen eingeübt, die für die Teilnahme am Markthandeln erforderlich sind.

Wer die Gesellschaft revolutionieren wollte, durfte sich deshalb nicht darauf beschränken, die Macht im Staat an sich zu reißen und die Produktionsmittel zu verstaatlichen - er musste den Wesenskern des Individuums verändern, der sich in der bürgerlichen Familie herausbildet.

In "The Authoritarian Personality" heißt es in naiver Unverblümtheit:
"The prospects for healthy personality structure would be greater if the proper influences were brought to bear earlier in the individual´s life,and since the earlier the influence the more profound it will be, attention becomes focused upon child training. It would not be difficult (...) to propose a programm which could produce nonethnocentric personalities. (...) But all the features of such a programm would have the aspect of being more easily said than done. For ethnocentric parents, acting by themselves, the prescribed measures would probably be impossible. (...)
It seems obviously therefore that the modification of the potentially fascist structure cannot be achieved by psychological means alone. The task is comparable to that of eliminating neurosis, or delinquincy, or nationalism from the world. These are products of the total organization of society and are to be changed only as that society is changed. (...) The problem is one which requires the efforts of all social scientists." (S. 975)****
Man kann die Bedeutung dieses Programms kaum überschätzen:

Im liberalen Staatsmodell kam dem Staat im wesentlichen die Aufgabe zu, Leben und Eigentum seiner Bürger nach innen und außen zu schützen. Ehe und Familie sowie die von den Bürgern eingegangenen Vertragsbeziehungen galten als dem Staat vorgängig.

Der liberale Rechtsstaat ist geradezu dadurch definiert, dass er dem Staatshandeln eine unüberschreitbare Grenze setzt: den innersten Freiheitsbereich des Individuums. Nichts anderes meint etwa die Rede von der unantastbaren Würde des Menschen und von dem besonderen Schutz, den Ehe und Familie genießen.

Demgegenüber sahen die Frankfurter es gerade als Aufgabe politischen Handelns, das vorhandene Menschenmaterial zu transformieren. Wer sich außerhalb des - durch die linke Elite definierten - gesellschaftlichen Konsenses stellt, steht fortan unter dem Verdacht, psychisch beschädigt zu sein. Die ihm in seiner Sozialisation angetane seelische Gewalt hindert ihn am vernünftigen Denken und Handeln. Wer 'rechts' steht, ist nicht einfach nur ein von anderen Wertüberzeugungen geleiteteter Gegner - er ist ein Neurotiker oder gar Psychotiker, der nicht weiß, was er sagt, und nicht versteht, was er tut.

Die spätere Praxis der Sowjetunion, Dissidenten zu psychiatrisieren, findet hier ihre vorweggenommene Rechtfertigung.

Es ist kaum zweifelhaft, dass die Agenda der 'Frankfurter' unter normalen Umständen keinerlei Chance auf Erfolg gehabt hätte.

Nach den staatlich organisierten Massenmorden des Nationalsozialismus schienen die bürgerlichen Institutionen aber hinreichend diskreditiert, um das Programm einer re-education sentimentale auf die Tagesordnung setzen zu können.

... wird fortgesetzt

* Neben Adorno waren auch Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford an der Studie beteiligt.

**Ein Thema für sich ist die Behandlung, die die Psychoanalyse unter den Händen der Frankfurter erfährt. Die psychoanalytische Therapie - über deren Wert andere entscheiden mögen - beruht auf einem freiwillig eingegangen Kontrakt zwischen Patient und Therapeut. Bei den Frankfurtern wird die Psychoanalyse demgegenüber zu einer Waffe, die gegen den politischen Gegner eingesetzt wird, der als psychisch beschädigt (neurotisch, paranoid) diskreditiert werden soll.

***Das Werk "Geschichte und Klassenbewusstsein" des ungarischen Marxisten Georg Lukács bemüht sich um eine philosophische Begründung dieser These. Es ist eines der Gründungsdokumente des Neomarxismus.
**** Im unmittelbaren Kontext geht es um das Problem der 'ethnozentrischen Persönlichkeit'. Das gleiche Programm galt aber auch für 'konservative Persönlichkeiten'.


25. August 2011

Gottfried Benn: Wege und Abwege eines deutschen Dichters

Gottfried Benn (1886 - 1956)

Stärker als die Lyrik anderer Zeiten, ist die deutsche Dichtung des 20. Jahrhunderts durch politische und weltanschauliche Polarisierungen gekennzeichnet. Auch Gottfried Benn, über den ich hier einige Zeilen schreiben möchte, bezieht Position. Um sein ebenso problematisches wie wichtiges Werk zu verstehen, ist ein Blick auf seine Biographie hilfreich.

Der Sohn eines protestantischen Pastors wuchs in der Mark Brandenburg auf. Nach dem Abitur studierte er zunächst Theologie und Philologie, dann Medizin. 1912 veröffentlichte Benn seinen ersten Gedichtband - "Morgue und andere Gedichte". Den ersten Weltkrieg erlebte er als Militärarzt. 1917 ließ er sich als Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin nieder, wo er - mit kurzen Unterbrechungen - bis zu seinem Tode am 07.07.1956 lebte. Benn, Expressionist der ersten Stunde und Teil der Berliner Bohéme, war er mit Else Lasker-Schüler und Klabund (Alfred Heschke) befreundet. Seine Freundschaft mit Klaus Mann fand 1933 ein jähes Ende, als er sich in mehreren Essays (Der neue Staat und die Intellektuellen, Kunst und Macht) für die Nationalsozialisten einsetzte.

Von nietzscheanischen und spenglerischen Untergangsvisionen stark beeindruckt, sah Benn die Rettung der abendländischen Kultur anfangs in einer bewussten "Züchtung" des Übermenschen, ein Projekt, dessen Verwirklichung durch den Hitler-Staat er sich erhoffte.

Die eher kulturkonservativen Nazis allerdings hatten wenig Sinn für den "Asphaltliteraten" Benn, den sie zudem für politisch unzuverlässig hielten. Benn überwinterte das Regime dann unter dem Schutz der Wehrmacht (wie übrigens auch Ernst Jünger). 1938 wurde er aus der "Reichsschriftumskammer" ausgeschlossen und erhielt Schreibverbot. Den 2. Weltkrieg erlebte er als Militärarzt.

Auch die Allierten verhängten ein Publikationsverbot gegen ihn, das 1948 aufgehoben wurde. In diesem Jahr veröffentlichte er den sehr erfolgreichen Gedichtband "Statische Gedichte". 1951 erhielt Benn den Georg-Büchner-Preis.

Bei seinem Tod galt Benn als westdeutsches Pendant zu T.S. Eliot. Sie waren Dichter nach dem Ende der Metaphysik - Nietzscheaner der eine, Anglokatholik der andere. Schöne Verse schrieben sie beide.

Während die frühen Gedichte, etwa das sehr bekannte "Kleine Aster" aus der Sammlung "Morgue' die Begegnung des jungen Arztes mit dem Elend der wilhelmischen Krankenhäuser und die intensive Beschäftigung mit Nietzsche und Rimbaud widerspiegeln, ist die Bennsche Lyrik der zwanziger Jahre von Jazz- und Schlagerrhythmen beeinflusst. In dieser Zeit gelingen ihm Gedichte, die zu den melodischsten und wohlklingendsten der deutschen Sprache gehören ("Dunkler", "Sieh die Sterne, die Fänge", "Schleierkraut"). Einen Höhepunkt des Werks bilden die selbstkritischen Verse von "Das Ganze".

Aus den dreißiger Jahren stammt auch das schöne Gedicht "Anemone", in dem Benn das zarte vegetative Leben der Frühlingspflanze als Hoffnungszeichen liest:

Erschütterer -: Anemone,
die Erde ist kalt, ist Nichts,
da murmelt deine Krone
ein Wort des Glaubens, des Lichts.

Die Erde ohne Güte,
der nur die Macht gerät,
ward deine leise Blüte
so schweigend hingesät.

Erschütterer -: Anemone,
du trägst den Glauben, das Licht,
den einst der Sommer als Krone
aus grossen Blüten flicht.

Der Benn der Nachkriegszeit war dann ein etablierter Autor. Im Zeichen der Restauration wurde er von der Kulturbürokratie und den Feuilletons als "abendländischer Dichter" gegen Brecht ausgespielt, der aus dem Exil in die DDR gegangen war. Benns früher so aufrührerische, schockierende Dichtung wirkt jetzt oft gefällig, ja nähert sich manchmal gefährlich dem Kitsch, so etwa in "Schmerzliche Stunde" und "Lebe wohl".

Kurz vor seinem Tod gelingt Benn noch einmal ein ganz großes Gedicht:: "Kann keine Trauer sein":

In jenem kleinen Bett, fast Kinderbett, starb die Droste
(zu sehn in ihrem Museum in Meersburg),
auf diesem Sofa Hölderlin im Turm bei einem Schreiner,
Rilke, George wohl in Schweizer Hospitalbetten,
in Weimar lagen die großen schwarzen Augen
Nietzsches auf einem weißen Kissen
bis zum letzten Blick -
alles Gerumpel jetzt oder garnicht mehr vorhanden,
unbestimmbar, wesenlos
im schmerzlos-ewigen Zerfall.

Wir tragen in uns Keime aller Götter,
das Gen des Todes und das Gen der Lust -
wer trennte sie: die Worte und die Dinge,
wer mischte sie: die Qualen und die Statt,
auf der sie enden, Holz mit Tränenbächen,
für kurze Stunden ein erbärmlich Heim.

Kann keine Trauer sein. Zu fern, zu weit,
zu unberührbar Bett und Tränen,
kein Nein, kein Ja,
Geburt und Körperschmerz und Glauben
ein Wallen, namenlos, ein Huschen,
ein Überirdisches, im Schlaf sich regend,
bewegte Bett und Tränen —
schlafe ein!

Wer Benns Gedichte mag, dem würde ich zur Klett-Cotta-Ausgabe der Sämtlichen Gedichte raten, die mit 19,90 Euro zwar nicht ganz preiswert ist, aber durch eine gute Bindung und ein schönes Layout besticht, und in der man immer wieder neue Facetten dieses vielfältigen Werkes entdecken kann.

24. August 2011

Lesenswert

Wenn Schriftsteller und Intellektuelle sich zu wirtschaftspolitischen Fragen zu Wort melden, wird das Niveau von Bert Brechts

"Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sah'n sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich."
(Bert Brecht, Alphabet)

selten überschritten.

Eine bemerkenswerte Ausnahme in dieser Wüste des ökonomischen Analphabetismus bildet einer, von dem ich es eigentlich nicht erwartet hätte: der Erzähler und Dramatiker Botho Strauss, der sich gestern in der FAZ zu Wort meldete.

Strauss beschreibt und kritisiert die Sprachlosigkeit der Politik angesichts der europäischen Finanzkrise.

Er warnt davor, in die altbekannten Reflexe zu verfallen, und fährt fort:
"Wir haben es auf diesem Gebiet zu oft mit Ideologen zu tun, die gar nicht mehr merken, dass sie keine Ideologie mehr besitzen, da diese längst in ihre pro- oder antikapitalistischen Affekte diffundierte. Und solche Ablagerungen sind oft störrischer und beständiger als dogmatische Prinzipien. Im Vorschlag, auf dem Wege von Eurobonds die gegenwärtige Schuldenschwemme auf alle siebzehn Euro-Länder zu verteilen und dies als ein Gebot der Solidarität auszugeben, versteckt sich eine Version des alten antinationalen Affekts der Linken und im Kern die sozialistische Aporie: Am Ende sind alle Habenichtse."
Bedenkenswert auch sein Vorschlag, Ökonomie zum Pflichtfach an Schulen zu machen:
"Nicht um noch gerissenere Marktteilnehmer zu erziehen, sondern um der gefährlichen Bequemlichkeit sich forterbender antikapitalistischer Affekte, der im Volk wahrscheinlich am weitesten verbreiteten intellektuellen Einschränkung, entgegenzuwirken. Das „Anti“ in Form von streitbaren Antipoden und konkurrierenden Schulen versammelt das marktwirtschaftliche Denken in sich zur Genüge. Es ist jedenfalls anregend und spannend, die verschiedenen Methodenlehren der Nationalökonomie und Geldpolitik zu verfolgen - so weit zu verfolgen, bis man zur tieferen Unschlüssigkeit der gesamten Entwürfe vorstößt und sich der Ablösbarkeit und Widerlegbarkeit so gut wie jeder Schule bewusst wird."
Der ganze Artikel findet sich hier.

Drei Hasen - eine groteske Ballade (Christian Morgenstern)

Drei-Hasen-Fenster im Paderborner Dom (Foto: Zefram)

Drei Hasen tanzen im Mondenschein
im Wiesenwinkel am See:
Der eine ist ein Löwe,
der andre eine Möwe,
der dritte ist ein Reh.

Wer fragt, der ist gerichtet,
hier wird nicht kommentiert,
hier wird an sich gedichtet;
doch fühlst du dich verpflichtet,
erheb sie ins Geviert,
und füge dazu den Purzel
von einem Purzelbaum,
und zieh aus dem Ganzen die Wurzel
und träum den Extrakt als Traum.

Dann wirst du die Hasen sehen
im Wiesenwinkel am See,
wie sie auf silbernen Zehen
im Mondschein sich wunderlich drehen
als Löwe, Möwe und Reh.

Auf den Hund gekommen (Loriot)


"Hunde sind sprichwörtlich:
z.B. Ein Hund wäscht den anderen,
oder: Morgenhund hat Gold im Mund
oder: Der Glückliche schlägt keine Hunde
oder aber:
Ich sei, gewährt mir die Bitte, bei euren Hunden der Dritte... "

23. August 2011

The Sorrow of Love (W. B. Yeats)

Dante Gabriel Rossetti: Marie Spartali Stillmann (1869)

The brawling of a sparrow in the eaves,
The brilliant moon and all the milky sky,
And all that famous harmony of leaves,
Had blotted out man's image and his cry.

A girl arose that had red mournful lips
And seemed the greatness of the world in tears,
Doomed like Odysseus and the labouring ships
And proud as Priam murdered with his peers;

Arose, and on the instant clamorous eaves,
A climbing moon upon an empty sky,
And all that lamentation of the leaves,
Could but compose man's image and his cry.

22. August 2011

Maria Regina Caelorum - Königin des Himmels

Fra Angelico, Die Könung der Maria (1434 / 1435)

Seelenverkäufer

William Turner, The Wreck of the Minotaur (1810)

Seit ein paar Wochen trage ich den Gedanken mit mir herum, mal wieder etwas über deutsche Tagespolitik zu schreiben. Bisher ist nie etwas daraus geworden. Bloggen ist eine Freizeitbeschäftigung, die Freude machen soll, und kaum etwas könnte momentan weniger Freude machen, als über die öffentlichen Dinge in Deutschland zu schreiben.

Woher der Überdruss? Das ist ein weites Feld. Um im Rahmen eines Blogbeitrags zu bleiben, erzähle ich einfach mal eine kleine Geschichte aus meiner Region:

Vor ein paar Wochen hat Philipp Rösler an der Maritimen Konferenz in Wilhelshaven teilgenommen. Dort musste der neue Wirtschaftsminister sich heftiger Kritik der anwesenden Reeder erwehren. Der Grund: Im Zuge ihrer Haushaltskürzungen hat die Bundesregierung unter anderem eine Beihilfe für die Branche ersatzlos gestrichen.

Bisher gab es nämlich (Hand hoch, wer das wusste) Ausbildungsbeihilfen für Reedereien: Wer einen Schiffsmechaniker ausbildete, erhielt vom Bund einen Zuschuss in Höhe von 25.500 Euro; für die einjährigen Ausbildungen von technischen und nautischen Offiziersassistenten gab's 17.000 bzw. 12.500 Euro.

Die versammelten Reeder drohten - unterstützt von der Gewerkschaft ver.di und vom Bremer Wirtschaftssenator - mit dem Aufstand: Es müsse Kompensationen für den Ausfall der Subventionen geben, sonst würden spätestens nach der Sommerpause die ersten Schiffe ausgeflaggt.

Habe ich eben von 'Subventionen' gesprochen? Das ist, zumindest aus Sicht der Begünstigten, ein ganz falscher Begriff. Die fraglichen Lohnkosten-Beihilfen seien gar keine, sondern notwendige Maßnahmen zur Wahrung der Chancengleichheit gegenüber anderen Schifffahrts-Nationen, die niedrigere Löhne zahlen. Wie konnte ich das nur verwechseln?

Ein anwesender Parlamentarier verstand das besser als ich. Die Argumentation der Reeder sei schlüssig, ließ er sich vernehmen: "Vielleicht lässt sich noch etwas machen. Wir müssen versuchen, das Geld wieder in den Haushalt zu bekommen."

Typisch Sozialdemokraten: Sie geben nicht vorhandenes Geld mit vollen Händen aus und ergreifen jede Gelegenheit, in das Marktgeschehen einzugreifen. Torsten Staffeldt ist allerdings Freidemokrat.

Als schifffahrtspolitischer Sprecher seiner Fraktion wird er uns 2013 bestimmt erklären können, wie es dazu kommen konnte, dass der Seelenverkäufer FDP bei widrigen Winden mit Mann und Maus untergegangen ist.

21. August 2011

"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt"

Lorenzo Veneziano, Die Bekehrung des Paulus (1370)

"Ich weiß, dass mein Erlöser lebt."

Wieso meinst du dies eigentlich zu wissen, ist es doch eine Lehre, die den meisten heute zutiefst unglaubwürdig erscheint.

Nun, zunächst verlasse ich mich auf das Zeugnis der rechtgläubigen Kirche, die die leibliche Auferstehung zu allen Zeiten geglaubt und verkündet hat: Von jeher spricht sie über Jesus Christus, den Sohn Gottes, als unserem Herren,
qui conceptus est de Spiritu Sancto, natus ex Maria Virgine,
passus sub Pontio Pilato, crucifixus, mortuus, et sepultus,
descendit ad ínferos, tertia die resurrexit a mortuis,
ascendit ad caelos, sedet ad dexteram Patris omnipotentis,
inde venturus est iudicare vivos et mortuos.
Und daraufhin glaubst du? Auf eine vor Jahrhunderten, in unaufgeklärten Zeiten entstandene Lehre hin? Nur weil deine Kirche es lehrt, die so viele Irrtümer verteidigt hat, so viele Wahrheiten verdammt hat? Dein Glaube ist also bloßer Autoritätsglaube?

Nun, zunächst ist schon der größte Teil unseres Alltagswissen Glauben: Wir glauben denen, die es zu wissen meinen. Von der Existenz Australiens weiß ich nichts; ich glaube, was mir andere über diesen sagenhaften Kontinent (wo, wie meine Großmutter bedenklich meinte, die Leute auf dem Kopf stehen) berichtet haben.

Das ist eine Ausflucht! Nur Trägheit hindert dich, ein Flugzeug zu besteigen und dich mit eigenen Augen von der Existenz Australiens zu überzeugen.

Nur Trägheit und Stolz hindern dich, dich von der wirklichen Gegenwart Christi in der Eucharistie zu überzeugen. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Ach so, du sprichst von 'übernatürlichen' Wahrheiten, die nur dem Gläubigen erkennbar sind. Das ist Irrationalismus und Träumerei: "Im Wachen haben wir eine und eine gemeinsame Welt. Die Träumenden aber wenden sich jeder dem eigenen zu" (Heraklit).

Wie gesagt, das würde jetzt zu weit führen. Die leibliche Auferstehung Christi ist kein Traumgespinst, sondern das bestbezeugte Ereignis der alten Welt. Der Tod Cäsars unter den Dolchen der Verschwörer, an dem du doch nicht zweifeln wirst, ist schlechter bezeugt als sie. 

Du beliebst zu scherzen.

Paulus berichtet im ersten Korintherbrief von zahlreichen Erscheinungen des Auferstandenen:
"Denn ich habe euch zu allererst das überliefert, was ich auch empfangen habe, nämlich daß Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften, und daß er begraben worden ist und daß er auferstanden ist am dritten Tag, nach den Schriften, und daß er dem Kephas erschienen ist, danach den Zwölfen. Danach ist er mehr als 500 Brüdern auf einmal erschienen, von denen die meisten noch leben, etliche aber auch entschlafen sind. Danach erschien er dem Jakobus, hierauf sämtlichen Aposteln. Zuletzt aber von allen erschien er auch mir, der ich gleichsam eine unzeitige Geburt bin." (1 Korinther 15, 3-8)
Dieser Brief ist im sechsten Jahrzehnt nach Christi Geburt geschrieben, etwa fünfundzwanzig Jahre nach dem Kreuzestod Jesu. Zahlreiche Zeugen der Geschehnisse lebten damals noch.

Aber was für 'Zeugen'? Dein Paulus war Missionar, und von den anderen spricht er als von 'Brüdern', also doch wohl von Christen. Deine Zeugen erschienen mir glaubwürdiger, wenn sie nicht alle an der bezeugten Sache interessiert wären.

Erinnere dich, dass der Pharisäer Paulus vor seinem Damaskus-Erlebnis die Anhänger des Gekreuzigten verfolgte und die Steinigung des Stephanus beaufsichtigte. Die Begegnung mit dem lebendigen Christus bekehrte ihn zum christlichen Glauben. Wer hätte dem Auferstandenen begegnen und gleichgültig bleiben können? Wie könnte man an dieser Sache, dem Wendepunkt der Geschichte und dem Unterpfand unserer Erlösung, nicht interessiert sein?

Wie kannst du diese Bekenntnisse für glaubwürdige Aussagen halten? Deine Zeugen mussten nach dem schmählichen Tod ihres Messias irgendeine Geschichte erfinden, und da erzählten sie der leichtgläubigen Menge halt die Legende vom leeren Grab und ihren Visionen vom Auferstandenen.

Nein, so kann es sich nicht zugetragen haben. Die Jünger Jesu waren nach der Kreuzigung eine versprengte Herde Schafe; der Fels Kephas, auf dem Jesus seine Kirche bauen wollte, hatte seinen Meister dreimal verleugnet; die Obrigkeit verfolgte jeden, der sich zu dem toten Aufrührer bekannte. Die Anhänger Jesu wären besser gefahren, wenn sie den Mund gehalten hätten.

Nicht der Glaube an den Messias, der doch offenbar nicht gehalten hatte, was man sich von ihm versprochen hatte, führte zur Legende von der Auferstehung - die Begegnung mit dem Auferstandenen begründete den Glauben an Seinen Triumph über Tod und Teufel.

Dein auferstandener Jesus ist einer von Dutzenden. Wahrscheinlich handelt es sich einfach um eine Gestalt aus dem Sonnenmythos, der allüberall verbreitet ist. Von Jesus, der 'güldnen Sonne' singen auch eure Kirchenlieder.

Du denkst an das schöne Lied von Paul Gerhardt:

Die güldne Sonne
Voll Freud und Wonne
Bringt unsern Grenzen
Mit ihrem Glänzen
Ein herzerquickendes liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder,
Die lagen darnieder,
Aber nun steh ich,
Bin munter und fröhlich,
Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

Der fromme Christ Gerhardt liebte alles Natürliche, aber er vergötzte es nicht. Natur war für ihn Schöpfung, nicht Schöpfer(in). Und die alles erwärmende und belebende Sonne war keine heidnische Göttin, sondern Symbol für die alles erwärmende und belebende Gegenwart Christi, an die wir Christen glauben:

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt


Gedenktag des Hl. Pius X

Der Hl. Pius X. als Bischof von Mantua

"On ne bâtira pas la cité autrement que Dieu ne l'a bâtie ; on n'édifiera pas la société, si l'Eglise n'en jette les bases et ne dirige les travaux ; non, la civilisation n'est plus à inventer ni la cité nouvelle à bâtir dans les nuées. Elle a été, elle est ; c'est la civilisation chrétienne, c'est la cité catholique.

Il ne s'agit que de l'instaurer et le restaurer sans cesse sur ses fondements naturels et divins contre les attaques toujours renaissantes de l'utopie malsaine, de la révolte et de l'impiété : OMNIA INSTAURARE IN CHRISTO."
(Hl. Papst Pius X, Notre charge apostolique, Brief an die Erzbischöfe und Bischöfe Frankreichs über die Sillon-Bewegung vom 29. August 1910)

"Man kann das Gemeinwesen nicht anders bauen, als Gott es gebaut hat; man kann die Gesellschaft nicht errichten, wenn die Kirche nicht die Fundamente legt und nicht die Bauarbeiten leitet; nein, es ist nicht mehr nötig, eine Zivilisation zu ersinnen, noch auch ein neues Gemeinwesen in den Wolken zu bauen. Es hat sie gegeben und es gibt sie: es sind die christliche Kultur und das katholische Gemeinwesen.

Es kann sich nur noch darum handeln, es unablässig gegen die immer wieder neu aufbrechenden Angriffe einer falschen Utopie, der Revolte und der Gottlosigkeit auf seine natürlichen und göttlichen Grundlagen zu stellen und ihn darin zu stärken und zu festigen: OMNIA INSTAURARE IN CHRISTO."

20. August 2011

Die Wahrheit bricht sich Bahn

In den sogenannten besseren Kreisen, die man daran erkennt, dass sie sich im Zugabteil hinter der ausgebreiteten FAZ verstecken, bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass "die Linke recht hat".

"Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie" hat es gebraucht, bis der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu der Erkenntnis gelangt ist,"das große Versprechen an individuellen Lebensmöglichkeiten" habe sich in sein Gegenteil verkehrt.

Als ein Beispiel für die zerstörerischen Folgen des entfesselten Kapitalismus nennt Schirrmacher die geistige Welt, die ihm als Journalisten naturgemäß besonders am Herzen liegt: Eine Ära bürgerlicher Politik habe die geistige Arbeit deklassiert, die deutsche Universität zerstört und die Lehrberufe ökonomisch unterhöhlt

Der hier zitierte Artikel stammt vom vergangenen Montag. Heute morgen nun traf ich Schirrmacher zufällig im Reisebüro, wo er ein Flugticket nach Pjöngjang (Nordkorea) buchte.

"Man muss seinen Worten Taten Folgen lassen", erklärte mir der Essayist. "Der scheinende Stern des Paektusan, unser geliebter Führer Kim Jong-il, schützt sein Volk vor dem zerstörerischen Raubtierkapitalismus. In seinem Reich blühen und gedeihen die freien Künste. Dort werde ich auf den Spuren von Luise Rinser" - Schirrmacher zeigte mir ihr "Nordkoreanisches Reisetagebuch" - "nun meinen Lebensabend verbringen, vertieft in die siebenundneunzig Bände der Werkausgabe des großen Führers Kim-II-Sung."

Vox populi

Guido Marzulli, Mercato di quartiere

Heute auf dem Wochenmarkt:
"Das macht sieben Euro neununddreißig, bitte".
Die alte Dame kramt in ihrem Portemonnaie, findet die passenden Münzen nicht:
"Tut mir leid, ich kann die 2-Cent- und 5-Cent-Münzen immer noch nicht auseinander halten."
Die Obsthändlerin nickt:
"Geht mir ebenso, auch mit den 20- und 50-Cent-Münzen."
Die Kundin seufzt:
"Ich hab's lange versucht, aber jetzt hab' ich's aufgegeben. Lohnt sich ja wohl auch gar nicht mehr.

Wer weiß, wie lange es den Euro überhaupt noch gibt."
Zustimmendes Gemurmel von allen Seiten.

19. August 2011

Der Rat der "New York Times": Macht mehr Schulden!

 Altes Werbeplakat (1895)

In einem Editorial unter der Überschrift  "The Wrong Idea" kritisiert die NYT heute das Krisenmanagement der EU:

Die Politiker seien entschlossen, der Finanzpolitik Fesseln anzulegen und damit den einzigen Weg aus der globalen Krise zu versperren. Richtig gehandhabte Finanzpolitik sei das aber geeignete Instrument, um Jobs zu schaffen, die Verbrauchernachfrage zu stärken und das Wirtschaftswachstum zu fördern.

Wir kennen diese Botschaft. War es aber nicht gerade der Glaube an die keynesianische Lehre, der die USA, Japan und die EU-Staaten allererst in die Schuldenkrise geführt hat?

Auf diesen Einwand erwidert der NYT-Kommentator:
"Excessive indebtedness is a real, long-term problem. But Europe’s broad downward trajectory can only be turned around if governments — both those of lenders and debtors — spend more in the near term to put people back to work and get consumers back to spending."
Seufz.

Musik am Morgen: Air aus der Suite Nr. 3 G-Dur (J.S. Bach)

William Turner: Chichester Canal (ca. 1828)



18. August 2011

I don't adore Adorno

Leandro Gonzalez de Leon, Theodor W. Adorno

„Mögen die Horst-Güntherchens in ihrem Blut sich wälzen und die Inges den polnischen Bordellen überwiesen werden...“ (Theodor W. Adorno in einem Brief an seine ebenfalls in den USA lebende Mutter, 26.09.1943)

„Alles ist eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat: das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot.“ (Theodor W. Adorno kurz vor Kriegsende in einem Brief an seine Mutter über die Situation im Deutschen Reich, 01.05.1945)

Seit ich vor zwanzig Jahren in Vorbereitung meiner mündlichen Prüfung "The Authoritarian Personality" (1950)* gelesen habe, hege ich eine tiefe Abneigung gegen Theodor W. Adorno.

Seit der Lektüre der Briefe Adornos an seine Eltern** weiß ich nun, dass er nicht nur ein mieser Sozialforscher war.

*Über dieses Werk ein anderes Mal mehr.
**Theodor W. Adorno, Briefe an die Eltern 1939 - 1951, Ffm 2003)

17. August 2011

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf....

Am Montag gab es einen unterhaltsamen Beitrag in der Jon-Stewart-Show über die republikanischen Testwahlen in Iowa, genauer gesagt: über die "Top 3" der Mainstream Media und einen weiteren Herrn, der aus Sicht der MSM eigentlich gar nicht da sein sollte... Das Video kann leider nur komplett mit Werbeeinspielung eingebettet werden, aber es lohnt sich, dabei zu bleiben.

The Daily Show With Jon StewartMon - Thurs 11p / 10c
Indecision 2012 - Corn Polled Edition - Ron Paul & the Top Tier
www.thedailyshow.com
Daily Show Full EpisodesPolitical Humor & Satire BlogThe Daily Show on Facebook

Für die, die sich nun fragen: "Ron who?", hier ein Link auf die Homepage des langjährigen republikanischen Parlamentariers, der schon gegen die Ausgabenexzesse der US-Bundesregierung auftrat, als das Geld noch von G.W. Bush verschwendet wurde, und dessen furchtlose Opposition gegen die Kriegspolitik der Neocons ebenso bemerkenswert ist wie seine Verteidigung bürgerlicher Freiheiten.

16. August 2011

Rudolf Borchardt: Leidenschaft für Ordnung und Maß

Rudolf Borchardt in Italien (ca. 1906)

Rudolf Borchardt (1877 - 1945) ist heute fast vergessen. Dies ist angesichts der hohen Ansprüche, die Borchardts dichterisches Werk* an den Leser stellt, zwar nicht unverständlich, aber doch sehr bedauerlich, denn seine Gedichte haben einen eigenen, ganz unverwechselbaren Ton.

Der mit Hugo v. Hofmannsthal** eng befreundete Borchardt sah sich - darin T.S. Eliot und Ezra Pound verwandt, die aber andere poetische Wege gingen - als Wahrer einer durch die Moderne in höchste Gefahr geratenen abendländischen Tradition, und es gehört zur persönlichen Tragik dieses Mannes, dass er lange meinte, in der extremen politischen Rechten Verbündete für sein Anliegen einer konservativen Kulturrevolution zu finden.

Als sich 1933 die deutsche Rechte dann um den "Reichskanzler und Führer" scharte, war im neuen Reich für den Juden Borchardt kein Platz mehr. Er ging in das faschistische Italien, in dem zu diesem Zeitpunkt der Antisemitismus noch nicht so virulent wie in Deutschland war. 1944 wurde er hier von der SS aufgespürt und nach Österreich verschleppt. Dort wurde er zwar freigelassen, starb aber wenig später, von den Strapazen erschöpft.

Man hat Borchardts Werk lange als epigonal verschrieen, aber diese Kritik scheint mir unbegründet. Soviel ist richtig: Der formbewusste Borchardt schrieb in den überlieferten Formen der Ode, der Sestine und des Sonetts und hielt sich von metrischen Experimenten fern. Borchardts Stimme jedoch ist in den Gedichten ganz unverwechselbar seine eigene - anders als bei epigonalen Lyrikern wie Hans Carossa und Börries Frhr. v. Münchhausen. 

Borchardt war ein Dichter der großen Form, und es sind Langgedichte wie die großartige "Bacchische Epiphanie"****, in denen seine gestalterische Kraft am stärksten zur Geltung kommt. Hier möchte ich jedoch ein vor einhundert Jahren entstandenes Epitaph zitieren, in dem Borchardts tiefe Menschlichkeit lyrisch vollendeten Ausdruck findet:

Grabschrift der Schwalbe
Ich, die verwundete Schwalbe, drei Tage des Menschen Genossin,
Sahe den schrecklichen Tod freundlicher werden und starb:
Schwestern im Blau, fliegt schweigend hier überhin, wo sich das Geistlein
Schüttelt und ringt nach Ruf, wenn es euch Rufende hört.
Gönnt mir Schweigen und singt, singt anderswo, wenn ihr das Meer wagt:
Nicht ganz, nicht ganz stumm flattert ich eine beiseit.
-------------------------------------------------------------------------------------------------
*Rudolf Borchardts Gesamtwerk wird durch den Klett-Cotta Verlag verlegt. Bei Suhrkamp gibt es eine von Th. W. Adorno ausgewählte und eingeleitete Auswahlsammlung.
** Borchardt hat dem toten Freund ein ergreifendes Gedicht ("Schatte von Rodaun") gewidmet, in dem sich diese unvergesslichen Verse finden:
„Geh, übersieh uns. Schuldig
Sind wir alle, dass Du Dein Haus, wiedergekehrt, unziemlich

Meiden gemusst. Das Blut hier

Klebt nur ganz versehentlich noch, ist aber längst vergessen."
***Über den Charakter des Nationalsozialismus hat sich Borchardt, anders als viele andere Konservative, nie Illusionen gemacht, wie diese Jamben beweisen:
"Dies ist nicht Aufstand, Tyrannei, nicht Bürgerkrieg
Unwissentlich Mißleiteter,
Nicht Wahnbegeisterung wild berauschter Leidenschaft
Für Überschwang in Opfertat —
Cromwell, der Felsblock, — Danton, übermenschlicher
Zum Untergang gebäumter Sturz,
Noch Spartakus, armer Störzer, noch das eifernde
San Marco: dies ist schlechterdings
Dreck. Trockener, angemachter, aufgeweichter Dreck,
Zerfallener Dreck, gepreßter Dreck,
Gedruckter, Scheißdreck, Dreckgesinnung, dreckige
Visage, frech wie Straßendreck,
Dreckseelen, Selbstverdreckung, Schund und darum Dreck,
Halbecht, einen Dreck wert, nachgemacht,
Gepatzt, gekitscht, gepfuscht, gestohlen, falschgemünzt,
Mit Dreck zu Dreck und wieder Dreck." (aus: Nomina Odiosa, 1935)
**** Einen eigenen Beitrag wert wäre Borchardts quixotisches Wagnis, die im 13. Jahrhundert fehlende Übertragung der 'Divina Commedia' ins Mittelhochdeutsche nachzuholen. 

15. August 2011

Assumptio Beatae Mariae Virginis

Tizian, Assunta (1516/1518)



Ave Maria (Bach)

In a Monastery Garden (Albert Ketèlbey)

14. August 2011

Siebzigster Todestag des Hl. Maksymilian Kolbe

Der Hl. Maksymilian Kolbe 1939

"Wie das Gute in der Liebe Gottes besteht und aus allem, was dieser Liebe entspringt, so kommt alles Böse nur aus der Verleugnung der Liebe.

Das Böse ist wesentlich Nichtliebe."

13. August 2011

Vor fünfzig Jahren: "Der Staat der Arbeiter und Bauern hat wieder seine Stärke und Entschlossenheit gezeigt"*

13.08.1961: Kampfgruppen am Brandenburger Tor (Quelle: Bundesarchiv)

 "An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist." (Marx / Engels, Kommunistisches Manifest 1848)

Lest we forget.

* O-Ton der DDR-Wochenschau

New York Times: "Ein bisschen Inflation könnte jetzt nicht schaden"

 Altes Werbeplakat (1895)

Das amerikanische Leitmedium "New York Times" beklagt, dass die Öffentlichkeit zurzeit die falschen Prioritäten setze: Nicht die Staatsschulden seien das Problem, sondern das geringe Wachstum. Als Kur empfiehlt die Zeitung in einem Editorial eine 'aggressivere' Geldpolitik der Fed:
"The focus on combating inflation at a time when the economy is clearly not overheating and when oil prices are retreating is akin to Washington’s fixation on spending cuts when the economy is weak. Both are a fundamental misreading of what the economy needs. (...)

A more aggressive strategy would be letting inflation rise above the Fed’s comfort level of 2 percent or so to, say, 4 percent. That could help the economy by easing the repayment of debt. In the absence of stimulative fiscal policy, even assertive moves by the Fed are unlikely to turn the ailing economy around. But they could help, if only the Fed would deploy them." (NYT, Half Measures from the Fed, 09.08.11)
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Entwertung des Dollars könnte helfen, die Rückzahlung der Staatsschulden zu erleichtern.

Klar, wenn ich dir heute zehn Euro schulde, wird mir die Rückzahlung dieser Schulden enorm erleichert, wenn zehn Euro morgen nur noch fünf wert sind.

Der alte Adam Smith nannte staatliche Geldentwertung noch einen ehrlosen Taschenspielertrick. Aber von derlei ehrpusseligen Moralvorstellungen haben wir uns natürlich längst emanzipiert.

12. August 2011

"Das schäbige Geheimnis der Schuldenmacher" (Alan Greenspan)

Alan Greenspan

Vorgestern habe ich hier den nur scheinbar senilen ehemaligen "Fed"-Banker Dr. Alan Greenspan zitiert.

Dass Greenspan weiß, worauf die von ihm empfohlene Politik hinausläuft, zeigt ein von ihm vor fünfundvierzig Jahren veröffentlichter Artikel, in dem er sich in dankenswerter Klarheit über "the shabby secret" der Schuldenmacher äußert:
"The abandonment of the gold standard made it possible for the welfare statists to use the banking system as a means to an unlimited expansion of credit. They have created paper reserves in the form of government bonds which -- through a complex series of steps -- the banks accept in place of tangible assets and treat as if they were an actual deposit, i.e., as the equivalent of what was formerly a deposit of gold. The holder of a government bond or of a bank deposit created by paper reserves believes that he has a valid claim on a real asset. But the fact is that there are now more claims outstanding than real assets. The law of supply and demand is not to be conned. As the supply of money (of claims) increases relative to the supply of tangible assets in the economy, prices must eventually rise. Thus the earnings saved by the productive members of the society lose value in terms of goods. When the economy's books are finally balanced, one finds that this loss in value represents the goods purchased by the government for welfare or other purposes with the money proceeds of the government bonds financed by bank credit expansion. (...)

Deficit spending is simply a scheme for the "hidden" confiscation of wealth." (Gold and Economic Freedom, The Objectivist, July 1966)
"Die Abschaffung des Goldstandards ermöglichte es den Verfechtern des Wohlfahrtsstaates, das Banksystem für eine unbegrenzte Kreditausweitung zu mißbrauchen. In Form von Staatsanleihen erzeugten sie Papiervermögen, welches die Banken, nach einem komplizierten Verfahren, wie Realvermögen als Sicherheit akzeptieren, gleichsam als Ersatz für das was früher eine Einlage in Gold war. Der Inhaber einer Staatsanleihe oder eines auf Papiergeld gegründeten Bankguthabens glaubt, dass er einen gültigen Anspruch auf reale Werte hat. In Wirklichkeit sind aber mehr Ansprüche auf Realwerte im Umlauf, als Realwerte vorhanden sind. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage läßt sich nicht aufheben. Wenn das Angebot an Geld (Ansprüchen) im Verhältnis zum Angebot von realen Gütern in der Wirtschaft steigt, müssen die Preise unweigerlich steigen. Das heißt, Erträge die von den produktiven Teilen der Gesellschaft erspart wurden, verlieren in Gütern ausgedrückt an Wert. Unter dem Strich der Bilanz ergibt sich dann, daß dieser Verlust genau den Gütern entspricht, die von der Regierung zu Wohlfahrts- und anderen Zwecken erworben wurden mit dem Geld aus Staatsanleihen, die über Kreditexpansion der Banken finanziert wurden. (...)

Staatsverschuldung ist schlicht und ergreifend ein Mechanismus für die „versteckte” Enteignung von Vermögen." (Deutsche Übersetzung: Reinhard Deutsch)

10. August 2011

Zur Pseudonymität im Netz


Vincentius Lerinensis hat auf seinem Blog "Commonitoria" zwei interessante Posts zum Thema "Anonymität / Pseudonymität im Netz" veröffentlicht.

Vincentius plädiert für das Recht auf Anonymität und begründet dies, wenn ich ihn richtig verstehe (aber lest bitte selbst, hier und hier), im Wesentlichen mit folgenden Argumenten:

1. Anonymität ist eine Grundvoraussetzung für die Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung.
2. Die Preisgabe der eigenen Identität kann für den Blogger schwerwiegende persönliche Nachteile haben.
3. Das Internet ist mit dem klassischen Begriff der "Öffentlichkeit" nicht zu fassen.

Was mich betrifft, habe ich meine Meinung zu diesem Thema noch einmal überdacht und bin zu einem Ergebnis gekommen, das ich in diesem Beitrag darstellen möchte.

Als ich diesen Blog im Januar 2010 eröffnet habe, habe ich, ohne groß darüber nachzudenken, das Pseudonym gewählt, das ich zuvor schon bei Amazon für Buchrezensionen genutzt hatte. Seitdem habe ich Erfahrungen gemacht, die mich in der Wahl eines Pseudonyms eher bestärkt haben.

Ein weiteres Argument zugunsten der Pseudonymität war für mich, dass ich beruflich auch für die Öffentlichkeitsarbeit meines Projektes zuständig bin und mein Arbeitgeber vielleicht nicht sehr erfreut darüber wäre, wenn beim Googeln meines Namens als erstes ein privater Blog gelistet wird, in dem ich noch dazu Meinungen zu (sozial-)politischen Fragen äußere, die nicht immer denen meines Wohlfahrtsverbandes entsprechen.

Auch bin ich mit dem Blogger "Morgenländer" nicht identisch; "Morgenländer" hat manchmal Meinungen, wo ich noch unentschieden bin; er kann sich Entschiedenheit leisten, wo ich zögere, und Widersprüche, wo ich der Selbstidentität ("Sei, der du bist!") verpflichtet bin.

Andererseits ist mir bekannt, dass auch für Blogs, wenn sie denn nicht für rein persönliche / familiäre Zwecke genutzt werden, nach § 10 Abs. 1 MdStV Impressumspflicht besteht (siehe auch diesen informativen Beitrag im Law Blog).

Neben diesen rechtlichen Erwägungen gibt es auch andere gute Gründe, im Netz sein Gesicht zu zeigen:

1. Wer sich im öffentlichen Raum äußert, entfaltet damit Wirkungen, die rein private Äußerungen nicht haben können. Er sollte deshalb für diese Äußerungen auch mit seiner Person einstehen.

2. Eine Demokratie lebt vom Mut zur Meinung. Wer in die Pseudonymität ausweicht, hat vor (wirklichem oder vermeintlichem) öffentlichen Druck und vor der Schere im eigenen Kopf schon kapituliert

3. Wer seine Meinungen unter seinem tatsächlichen Namen kundtut, achtet sorgsamer als ein pseudonymer Blogger darauf, unbedachte und verletzende / ehrabschneidende Äußerungen zu vermeiden.

4. Wir sollten uns auch im wirklichen Leben, nicht nur in der Blogosphäre, die Freiheit zugestehen, Gedanken nur probeweise zu denken. Jeder debattiert Tag für Tag mit dem Anderen in seinem Kopf, und niemandes Denken geht immer nur in eine Richtung. Dass wir uns dies im Alltag nicht zugestehen, sollte uns nicht in fiktive Blogger-Identitäten flüchten lassen, sondern sollte Aufforderung sein, für mehr Gelassenheit und Offenheit in den alltäglichen Diskussionen einzutreten.

Die Argumente pro und contra abwägend, habe ich mich entschlossen, diesen Blog zu ent-pseudonymisieren.

PS: Wer sich fragt, wie ein langweilig-blonder Norddeutscher zu dem Pseudonym 'Morgenländer' kommt, findet die Antwort bei Goethe:

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gefilde
Ruht im Frieden seiner Hände.

aber auch im Impressum.

Update: Eben sehe ich, dass Joseph Bordat zu diesem Thema auf seinem Blog einen sehr gedankenreichen Essay unter dem Titel "Die Bedeutung von Namen aus christlicher Sicht" veröffentlicht hat, in der er auch auf die Bedeutung der Botschaft des Heiligen Vaters „Wahrheit, Verkündigung und Authentizität des Lebens im digitalen Zeitalter“ für die gegenwärtige Diskussion hinweist.

Friedrich Julius Stahl - ein preußischer Konservativer

Friedrich Julius Stahl (1802 - 1861)

Heute jährt sich der Todestag des preußischen Staatsrechtlers und konservativen Politikers Friedrich Julius Stahl zum einhundertfünfzigsten Mal.

Als Kind jüdischer Eltern geboren, wurde Stahl, von der Erweckungsbewegung erfasst, 1819 getauft. Zeitlebens frommer Lutheraner, galt sein Bemühen, eine christliche Antwort auf die politischen Krisen seiner Zeit zu finden, deren philosophische Wurzel er in Rationalismus und Aufklärung sah.

Stahl stemmte sich seit der französischen Revolution von 1830 und dann erst recht nach der gescheiterten deutschen Revolution von 1848 gegen den Liberalismus. Sein philosophisches und staatsrechtliches Werk galt der Kritik des Naturrechts, das er für eine geistige Quelle der revolutionären Unruhen hielt. Der Idee der 'Volkssouveränität' setzte er den Gedanken der absoluten Souveränität Gottes entgegen.

Der Staat ist in Stahls Augen Gottes Bollwerk gegen die Unordnung:
"Er soll den äußeren Zustand der Menschen an Gottes Statt ordnen, fördern, Verletzung der Ordnung strafen, eben damit aber auch den sittlich vernünftigen Willen der menschlichen Gemeinschaft bewähren, d.i. ihren Gehorsam, Gottes Ordnung aufzurichten und zu handhaben." (Philosophie des Rechts)
Der christliche Staat - mit einem konstitutionellen Monarchen an der Spitze - ist keine auf dem Reißbrett entworfene blutlose Konstruktion, sondern für Stahl die Verkörperung der lebendigen Vernunft gewachsener Tradition. Hier berührt sich Stahls Denken mit dem Edmund Burkes und den Lehren der - geschichtlich erfolgreicheren - historischen Rechtsschule.

Während die Konstruktionen der Naturrechtler einen anfänglichen Staatsvertrag setzen, in dem sich freie Individuen zu Gewaltverzicht und Unterordnung unter eine staatliche Ordnung verpflichten, stehen die Menschen für Stahl je schon in einer Gehorsamspflicht, nämlich gegenüber ihrem Schöpfer. Dem Staat vorgängig ist kein an-archischer Zustand, sondern die in der absoluten Verpflichtung gegenüber Gottes Gebot gründende sittliche Ordnung, die in der konstitutionellen Monarchie ihre irdische Vollendung findet.

Wirkmächtig ist in Deutschland nicht Stahls christlicher Konservatismus geworden, sondern das Denken der historischen Rechtsschule, das schließlich in den Rechtspositivismus mündete.

Auch ein deutsches Unglück, meine ich. Denn vor die Wahl gestellt, wäre ich lieber mit Stahl Monarchist, als Demokrat mit Kelsen. Aber vielleicht gibt es ja eine dritte Möglichkeit.

Greenspan zur US-Schuldenkrise

Alan Greenspan 

Alan Greenspan, bis 2006 Vorsitzender der US-Notenbank ("Fed"), hat sich am Sonntag gegenüber dem US-Fernsehsender NBC zu den Folgen der Herabstufung der USA durch die Ratingagentur Standard &  Poor's (S&P) geäußert. Muss man langfristig die Zahlungsunfähigkeit der USA befürchten? Nein, es gibt keinen Grund zur Sorge, erklärte Greenspan, denn:
"The United States can pay any debt it has because we can always print money to do that. So there is zero probability of default." (meine Hervorhebung)
Na, nun sind wir aber beruhigt.

9. August 2011

"Trostlosestes Glaubensbekenntnis" (John Adams)

 John Adams (1735 - 1826), 2. Präsident der Vereinigten Staaten

"Is there a possibility that the government of nations may fall into the hands of men who teach the most disconsolate of all creeds, that men are but fireflies, and that this all is without a father? Is this the way to make man, as man, an object of respect? Or is it to make murder itself as indifferent as shooting a plover, and the extermination of the Rohilla nation as innocent as the swallowing of mites on a morsel of cheese" (John Adams, Discourses on Davila)

8. August 2011

Come In (Robert Frost)

Robert Frost (1874 - 1963)

As I came to the edge of the woods,
Thrush music -- hark!
Now if it was dusk outside,
Inside it was dark.

Too dark in the woods for a bird
By sleight of wing
To better its perch for the night,
Though it still could sing.

The last of the light of the sun
That had died in the west
Still lived for one song more
In a thrush's breast.

Far in the pillared dark
Thrush music went --
Almost like a call to come in
To the dark and lament.

But no, I was out for stars;
I would not come in.
I meant not even if asked;
And I hadn't been.

7. August 2011

Nostalgie am Wochenende: "The Easy Winners" (Scott Joplin)


Plato über den Gerechten

Bartolomeo Bulgarini, Kreuzigung, ca. 1330

"Wenn der Gerechte auf Erden erscheinen wird, wird er gegeißelt, gefoltert, in Ketten gelegt, an beiden Augen geblendet werden, und schließlich wird man nach allen Martern ihn ans Kreuz schlagen, damit er zur Einsicht kommt, dass es nicht das Richtige ist in dieser Welt, gerecht zu sein, sondern es nur zu scheinen."" (Politeia, 361 c)

6. August 2011

Eisenhower über Hiroshima und Nagasaki

 Dwight D. Eisenhower (1890 - 1969), 34. Präsident der Vereinigten Staaten,
Offizielles Portrait

"...in (Juli) 1945... Secretary of War Stimson, visiting my headquarters in Germany, informed me that our government was preparing to drop an atomic bomb on Japan. I was one of those who felt that there were a number of cogent reasons to question the wisdom of such an act. ...the Secretary, upon giving me the news of the successful bomb test in New Mexico, and of the plan for using it, asked for my reaction, apparently expecting a vigorous assent.

During his recitation of the relevant facts, I had been conscious of a feeling of depression and so I voiced to him my grave misgivings, first on the basis of my belief that Japan was already defeated and that dropping the bomb was completely unnecessary, and secondly because I thought that our country should avoid shocking world opinion by the use of a weapon whose employment was, I thought, no longer mandatory as a measure to save American lives. It was my belief that Japan was, at that very moment, seeking some way to surrender with a minimum loss of 'face'. The Secretary was deeply perturbed by my attitude..." (Dwight D. Eisenhower, Mandate For Change, 1963, S. 38)

"...the Japanese were ready to surrender and it wasn't necessary to hit them with that awful thing."
(Dwight D. Eisenhower, Newsweek, 11/11/63)

5. August 2011

Aus dem Leben meiner Großmutter

Vor 111 Jahren ist sie als jüngste Tochter eines sächsischen Schneiders in Aschersleben geboren worden.

Im Deutschen Reich regierte damals Kaiser Wilhelm II., doch im Wohnzimmer von Familie Grabe hing ein Bebel-Bild. Mein Urgroßvater war der Sozialistischen Arbeiterpartei (so hieß die sozialdemokratische Partei bis 1890) noch zur Zeit der Sozialistengesetze beigetreten, und er blieb ihr treu, bis sie sich selbst untreu wurde.

Nach der Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten verließ er die Partei und schloss sich den in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) versammelten Kriegsgegnern an. Wenig später starb er an einer Lungenentzündung; aber die Lust am Leben hatte er schon Monate zuvor verloren, als erst seine Enkelin, dann sein Schwiegersohn, dann seine älteste Tochter und schließlich seine Ehefrau Hunger, Entkräftung und der Schwindsucht zum Opfer gefallen waren.

Meine Großmutter war damals siebzehn. Verwaist und ohne Angehörige in Sachsen ging sie erst zu entfernten Verwandten nach Hamburg, wo sie die Novemberrevolution miterlebte, dann 'in Stellung' auf einen Bauernhof in Nordschleswig. Dort lernte sie 1923 einen hochgewachsenen und hageren Maurergesellen kennen, meinen Großvater Ernst, den man jederzeit für eine Rolle in "The Grapes of Wrath" hätte casten können. 1925 heiratete das junge Paar.

Wenn meine Großmutter von den Jahren zwischen 1923 und 1933 erzählte, berichtete sie von großer Not, aber auch von großer Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Mit dieser Hoffnung war es dann 1934, als mein Vater als sechstes Kind geboren wurde, schon wieder vorbei. Die Nazis hatten die Macht im Staat übernommen, und mein Großvater war sich sicher: "Hitler, das bedeutet Krieg."

Ohnehin kein Rechthaber, hätte er sich in diesem Fall sicherlich gerne getäuscht, aber soviel Glück hatte er nicht. Die Nazis zogen ihn und seinen ältesten Sohn ein; mein Großvater diente an der Westfront, wo er 1944 in Gefangenschaft geriet, mein Onkel an der Ostfront. Beide überlebten den Krieg und kehrten Ende der vierziger Jahre in das kleine Angeliter Dorf zurück, in dem meine Großmutter mit den fünf anderen Kindern zurückgeblieben war. Einmal wäre sie fast selbst in Lebensgefahr geraten, als sie einem russischen Zwangsarbeiter einen Laib Brot zusteckte und dabei von einer Nachbarin beobachtet worden war; der Mann der aufgebrachten Nachbarsfrau konnte diese mit Mühe und Not noch von einer Anzeige abbringen.

"Es waren harte Jahre", erzählte meine Großmutter später,"und weißt du, was das Schlimmste war: wir beteten Nacht für Nacht für den Sieg der Allierten, und dabei trugen dein Opa und dein Onkel doch die deutsche Uniform."

Meine Großeltern liebten auch das Deutschland Adenauers nicht, in dem führende NS-Funktionäre bald wieder in Amt und Würden gekommen waren. 1956 bekam mein Großvater anlässlich des KPD-Verbots eine Vorladung zur politischen Polizei in Flensburg; auf dem Kommissariat begegnete er dann genau den Kriminalbeamten, die seine Genossen zwischen 1933 und 1945 verfolgt und ermordet hatten.

"Man wusste nie, wem man die Hand gab", sagte meine Großmutter einmal. Dutzende alter Nazis hatten sich nach dem Zusammenbruch nach Flensburg gerettet und sich hier, gut getarnt und nur ihresgleichen bekannt, eine neue Existenz geschaffen. Fünf Jahre vor meiner Geburt erregte etwa die Verhaftung des Sportarztes Dr. Fritz Sawade europaweites Aufsehen: Hinter diesem Namen verbarg sich der Euthanasie-Arzt Prof. Dr. Werner Heyde, der dann 1964 zur großen Erleichterung seiner Mittäter vor Prozessbeginn in der U-Haft Selbstmord beging.

Diese und andere alte Geschichten - etwa, wie sie in den Zwanzigern einmal der Flensburger Malerin Käthe Lassen Portrait sitzen durfte - erzählte meine Großmutter, während sie am Herd stand und die Suppe umrührte. Meine Großeltern waren nach der Heirat meiner Eltern aufs Altenteil gezogen, eine kleine Wohnung in unserem Haus. Fast mehr noch als unseren Garten liebte ich diese Wohnung, in der es unzählige versteckte Winkel, viele Geschichten und eine kleine Katze gab.

Die Katze war ein Geschenk meines Großvaters, der sie einem benachbarten Bauern abgekauft hatte. Aus dem Wurf ausgewählt hatte ich sie. Es war Liebe auf den ersten Blick; welcher Fünfjährige könnte schon einem feuerroten Katzenkind widerstehen? "Wie schall se denn heeten?" fragte mich der Bauer. Doch bevor mir ein Name eingefallen war, antwortete mein Großvater schon: "Ho Chi Minh schall se heeten."  Der Bauer, ein ehemaliger SA-Mann (aber davon wusste der Fünfjährige nichts) sah plötzlich ganz grimmig aus, was ich gar nicht verstand: "Hootschiminn" war doch ein wunderbar geheimnisvoller Name für dieses wunderbar geheimnisvolle Bündel Leben.

So saß ich also auf dem Küchenboden, spielte mit Ho Chi Minh und lauschte der brüchigen Stimme meiner Großmutter: "Mariechen saß weinend im Garten", "John Maynard war unser Steuermann", "Fest gemauert in der Erden", "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland", "Ick wull, wi weern noch kleen, Jehann" - ihr Repertoire an Balladen und Moritaten war schier unerschöpflich.

Das Lieblingsgedicht der alten Frau war "Aus der Kindheit" von Friedrich Hebbel, eine harte und doch auch sehr zärtliche Ballade, mit der ich diesen Beitrag schließen möchte:

»Ja, das Kätzchen hat gestohlen,
und das Kätzchen wird ertränkt.
Nachbars Peter sollst du holen,
daß er es im Teich versenkt!«

Nachbars Peter hat's vernommen,
ungerufen kommt er schon:
»Ist die Diebin zu bekommen,
gebe ich ihr gern den Lohn!«

»Mutter, nein, er will sie quälen.
Gestern warf er schon nach ihr,
bleibt nichts andres mehr zu wählen,
so ertränk' ich selbst das Tier.«

Sieh, das Kätzchen kommt gesprungen,
wie es glänzt im Morgenstrahl!
Lustig hüpft's dem kleinen Jungen
auf den Arm zu seiner Qual.

»Mutter, laß das Kätzchen leben,
jedesmal, wenn's dich bestiehlt,
sollst du mir kein Frühstück geben,
sieh nur, wie es artig spielt!«

»Nein, der Vater hat's geboten,
hundertmal ist ihr verziehn!«
»Hat sie doch vier weiße Pfoten!«
»Einerlei! Ihr Tag erschien!«

»Nachbarin, ich folg' ihm leise,
ob er es auch wirklich tut!«
Peter spricht es häm'scherweise,
und der Knabe hört's mit Wut.

Unterwegs auf manchem Platze
bietet er sein Liebchen aus;
aber keiner will die Katze,
jeder hat sie längst im Haus.

Ach, da ist er schon am Teiche
und sein Blick, sein scheuer, schweift,
ob ihn Peter noch umschleiche -
ja, er steht von fern und pfeift.

Nun, wir müssen alle sterben,
Großmama ging dir vorauf,
und du wirst den Himmel erben,
kratze nur, sie macht dir auf!

Jetzt, um sie recht tief zu betten,
wirft er sie mit aller Macht,
doch zugleich, um sie zu retten,
springt er nach, als er's vollbracht.

Eilte Peter nicht, der lange,
gleich im Augenblick herzu,
fände er, es ist mir bange,
hier im Teich die ew'ge Ruh.

In das Haus zurückgetragen,
hört er auf die Mutter nicht,
schweigt auf alle ihre Fragen,
schließt die Augen trotzig-dicht.

Von dem Zucker, den sie brachte,
nimmt er zwar zerstreut ein Stück;
doch den Tee, den sie ihm machte,
weist er ungestüm zurück.

Welch ein Ton ! Er dreht sich stutzend,
Und auf einer Fensterbank,
Spinnend und sich emsig putzend,
Sitzt sein Kätzchen blink und blank.

»Lebt sie, Mutter?« »Dem Verderben
warst du näher, Kind, als sie!«
»Und sie soll auch nicht mehr sterben?«
»Trinke nur, so soll sie's nie!«