In der vergangenen Woche hab' ich hier ein paar Worte über Gottfried Benn verloren, aber, ehrlich gesagt, gebe ich den ganzen Benn für eine Handvoll Gedichte von Wilhelm Lehmann.
Während die melodischen und suggestiven Verse Benns eigentlich immer hoch im Kurs standen, wird der spröde Lehmann nur von wenigen gelesen. Seine von Klett Cotta verlegte Werkausgabe ist zwar weiterhin lieferbar, doch Auswahl- und Taschenbuchausgaben gibt es schon seit Jahren nicht mehr.
Und wie schade ist das!
Unerklärlich sind die unterschiedlichen Geschicke nicht:
Benn bedient das metaphysische Bedürfnis der Deutschen; er ist, wenn man so will, der Schiller des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie der schwäbische Klassiker greift er philosophische Trends auf und verdichtet sie zu einprägsamen Versen. Gesungener Nietzsche, könnte man sagen, so wie Schillers Gedichte kantige Deklamationen sind.
Der Holsteiner Lehmann (1882 - 1964) ging andere Wege.
Er suchte die Poesie nicht in suggestiven Rhythmen und aufgeladenen Signalworten, sondern verstand Dichtung als das Zur-Sprache-Bringen der unscheinbaren natürlichen Welt. Nicht weniger philosophisch gebildet als Benn, misstraute er doch der Abstraktion und verließ sich auf den Sinn, der in den Dingen aufscheint:
"Die ganze Arbeit der Dichtung besteht darin, ihr Instrument, die Sprache, schon an sich kühlende Abstraktion, so zu führen, dass sie der sinnfälligen Tat der Welt gerecht werde, also der Tendenz zur Abstraktion entgegenwirke." (Werkausgabe, Band 6, S. 485)Jeder, der viel mit Gedichten umgeht, hat vermutlich eine Handvoll 'Lieblingsgedichte', die ihn wie Talismane durch den Alltag begleiten. Oft tauchen sie in keinem Kanon deutscher Literatur auf, außer dem je eigenen.
Einer dieser persönlichen Talismane ist für mich seit dreißig Jahren Lehmanns
Oberon
Durch den warmen Lehm geschnitten'Was aber bleibet, stiften die Dichter", schrieb Hölderlin vor etwas mehr als zweihundert Jahren; der Spätgeborene Lehmann antwortet ihm über die Jahrhunderte hinweg: Auch was bleibt, geht stiften.
Zieht der Weg. Inmitten
Wachsen Lolch und Bibernell.
Oberon ist ihn geritten,
Heuschreckschnell.
Oberon ist längst die Sagenzeit hinabgeglitten.
Nur ein Klirren
Wie von goldnen Reitgeschirren
bleibt,
Wenn der Wind die Haferkörner reibt.
Die Welt, die wir bewohnen, ist nie einfach gegeben; sie ist je schon gedeutete und als ausgesagte Sagen-Welt.
Diese 'Sagen', die der Welt Sinn und Richtung und uns Orientierung geben, wachsen auf einem Boden des Ungesagten, erst noch zu Sagenden.
Das Ungesagte Wort werden zu lassen, die "Antwort des Schweigens" (so der Titel des ersten von Lehmann veröffentlichten Gedichtbandes*) zu geben, sah Lehmann als Werk des Dichters.
"Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, dass alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer herrscht: das wäre gewissermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte."Immer schon gab es Ideologen, Philosophen, Feuilletonisten und leider auch Dichter, denen kreatürlichen Respekt vor der Schöpfung zum Ausdruck zu bringen, als ein leichtgewichtiges, kleingeistiges Programm gilt (so schalt Benn die Naturlyriker aus Lehmanns Umkreis verächtlich "Wiesenbewisperer").
Denen unter uns aber, die den megalomanischen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts misstrauen und die die Bewahrung der uns anvertrauten Schöpfung als anspruchsvolle Aufgabe begreifen, wird Wilhelm Lehmann ein verlässlicher Weggenosse sein.
*"Antwort des Schweigens" (heute in: Gesammelte Werke Bd. 1, Klett-Cotta, 1982) erschien 1935 im Widerstands-Verlag des Antifaschisten Ernst Niekisch. Man mag den Titel dieses Gedichtbandes auch als leise Kritik am Getöse der marschierenden Braunhemden deuten.





























