27. Juni 2011

Ein Krieg um den "Eckstein der Zivilisation"

Memorial to Robert Gould Shaw and the Massachussets Fifty-Fourth Regiment

Vor einigen Wochen erinnerten sich die USA des Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs vor 150 Jahren.

Hierzulande wird dieser Krieg meist als eine lokale Angelegenheit angesehen, die nur für Amerikaner von Interesse sein kann. Ich halte dies für eine schwere Fehleinschätzung. In meinen Augen war diese Auseinandersetzung einer der Wendepunkte der neueren Geschichte, an denen sich der Charakter unserer Zivilisation entschieden hat.

Der Bürgerkrieg entzündete sich an verfassungsrechtlichen und finanzpolitischen Fragen, die zu diskutieren den Rahmen sprengen würde; er nahm aber schnell den Charakter eines Krieges an, in dem der Fortbestand oder die Abschaffung einer Institution entschieden wurde, die zu den großen Schandflecken der abendländischen Geschichte gehörte. Ich spreche natürlich von der Sklaverei.

Die Gründerväter der Vereinigten Staaten, zumeist selbst Besitzer von Sklaven, hatten Sklaverei als "notwendiges Übel" betrachtet und die Entscheidung über diese Einrichtung den Bundesstaaten anheimgestellt. Während Sklaverei in den Nordstaaten zurückgedrängt und schließlich abgeschafft wurde, wurde sie in den Staaten, die dann die Konföderation bildeten (Nord- und Südcarolina, Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Texas, Virginia, Arkansas, Tennessee, Missouri und Kentucky) zum Eckstein der Gesellschaftsordnung.

Bei Gründung der USA lebten in ihr etwa 700.000 Sklaven; 1860 waren es bereits dreieinhalb Millionen. Jeder dritte Bewohner der Südstaaten war ein Sklave. Ein Drittel aller 'weißen' Familien dort hielten Sklaven.

Ich nannte den Amerikanischen Bürgerkrieg eingangs einen Wendepunkt der Geschichte. Ist das nicht übertrieben?

Wenngleich der Krieg unmittelbar nur die us-amerikanische Bevölkerung anging, war die Frage der Fortexistenz der Sklaverei in den USA eine Menschheitsfrage.

Man muss sich dabei vor Augen führen, dass die USA die erste demokratische Republik der Neuzeit waren und dass die - ebenfalls demokratisch verfassten - Konföderierten Staaten die Institution der Sklaverei zu Verfassungsrang erhoben. Wer über die Sklaverei nachdenkt, wird sich der Frage nach den Quellen und Grenzen legitimer Volksherrschaft stellen müssen, eine Frage, die auch noch heute von grundlegender Bedeutung ist.

Es fällt uns heute schwer zu akzeptieren, dass Sklaverei seinerzeit als etwas anderes betrachtet werden konnte denn als Staatsverbrechen. Wer sich aber mit den Quellen beschäftigt, kommt nicht umhin festzustellen, dass die Frage der Sklaverei noch vor nur einhundertfünfzig Jahren höchst umstritten war. Den Stimmen, die in ihr ein schweres Verbrechen sahen, standen andere gegenüber, die sie als Fundament der Zivilisation betrachteten.

So hatte der ehemalige US-Vizepräsident John C. Calhoun (1782 - 1850) die Sklaverei  in einer Rede vor dem US-Senat zu einem positiven Gut erhoben:
"I feel myself called upon to speak freely upon the subject where the honor and interests of those I represent are involved. I hold then, that there never has yet existed a wealthy and civilized society in which one portion of the community did not, in point of fact, live on the labor of the other. Broad and general as is this assertion, it is fully borne out by history. This is not the proper occasion, but, if it were, it would not be difficult to trace the various devices by which the wealth of all civilized communities has been so unequally divided, and to show by what means so small a share has been allotted to those by whose labor it was produced, and so large a share given to the non-producing classes. The devices are almost innumerable, from the brute force and gross superstition of ancient times, to the subtle and artful fiscal contrivances of modern. I might well challenge a comparison between them and the more direct, simple, and patriarchal mode by which the labor of the African race is, among us, commanded by the European.

I may say with truth, that in few countries so much is left to the share of the laborer, and so little exacted from him, or where there is more kind attention paid to him in sickness or infirmities of age. Compare his condition with the tenants of the poor houses in the more civilized portions of Europe--look at the sick, and the old and infirm slave, on one hand, in the midst of his family and friends, under the kind superintending care of his master and mistress, and compare it with the forlorn and wretched condition of the pauper in the poorhouse.

But I will not dwell on this aspect of the question; I turn to the political; and here I fearlessly assert that the existing relation between the two races in the South, against which these blind fanatics are waging war, forms the most solid and durable foundation on which to rear free and stable political institutions. It is useless to disguise the fact. There is and always has been in an advanced stage of wealth and civilization, a conflict between labor and capital. The condition of society in the South exempts us from the disorders and dangers resulting from this conflict; and which explains why it is that the political condition of the slaveholding States has been so much more stable and quiet than that of the North."
Diese Lehre von der Ausbeutung als notwendiger Voraussetzung der Zivilisation und von den 'Negern' als geborener Unterklasse wurde im März 1861 durch Alexander Stephens (1812 - 1883), den Vizepräsidenten der Konföderation, zur Staatsdoktrin der Konföderierten Staaten erhoben:
"Many governments have been founded upon the principle of the subordination and serfdom of certain classes of the same race; such were and are in violation of the laws of nature. Our system commits no such violation of nature's laws. With us, all of the white race, however high or low, rich or poor, are equal in the eye of the law. Not so with the negro. Subordination is his place. He, by nature, or by the curse against Canaan, is fitted for that condition which he occupies in our system. The architect, in the construction of buildings, lays the foundation with the proper material-the granite; then comes the brick or the marble. The substratum of our society is made of the material fitted by nature for it, and by experience we know that it is best, not only for the superior, but for the inferior race, that it should be so."
Entschuldigt die langen Zitate. Mir schien wichtig, diese Ausführungen vollständig zu zitieren, um deutlich zu machen, dass die Sklaverei in den USA kein zufällig vorgefundenes Relikt barbarischer Zeiten war, sondern - gerade in den Augen ihrer Verteidiger - der bewusst bejahte Eckstein einer Kultur und Lebensweise.

.... wird fortgesetzt:

- George Fitzhugh (1806 1881): Sozialphilosophie der Sklaverei
- John Elliott Cairnes (1823 - 1875): Die politische Ökonomie der Sklaverei
- Karl Marx (1818 - 1883): Die Lehre von der "Lohnsklaverei"
- Friedrich Nietzsche (1844 - 1900): Sklavenmoral und Herrenmoral
- Herbert Spencer (1820 - 1903): Kapitalismus und Freiheit
- Der christliche Glaube und die freiheitliche Gesellschaft

20. Juni 2011

Hier geht's wieder weiter

Liebe Leute, seit ich "Morgenländers Notizbuch" vor zwei Monaten zugeklappt habe, habe ich mich auch sonst in der Blogosphäre sehr rar gemacht. Nicht aus Mangel an Interesse, sondern schlicht aus Mangel an Zeit. Mittlerweile hat sich die Situation an meinem Arbeitsplatz aber wieder entspannt: die Verhandlungen um ein neues Teilprojekt sind erfolgreich abgeschlossen, andere neue Projekte angeschoben und neue Routinen entwickelt. Es ist wieder mehr Zeit da für anderes.

Hier geht's also wieder weiter. Nicht täglich, wie vorher, sondern einmal wöchentlich.

Meine Freizeit habe ich in den letzten Wochen meist an einem sehr exotischen Ort verbracht: der Vergangenheit, genauer gesagt dem 19. Jahrhundert.

Man kann da sehr überraschende Entdeckungen machen, und darüber möchte ich hier gern einmal berichten:

- über einen heute weitgehend vergessenen Manchesterliberalen, den es nach Preußen verschlug (John Prince-Smith);
- über einen deutschen Liberalen, der laut Marx die "Zigeunersprache der Pariser Börsensynagoge" sprach (Ludwig Bamberger);
- über drei amerikanische Frühmarxisten, deren Loblied auf die Sklaverei einem noch heute den Atem verschlägt (John C. Calhoun, James Henry Hammond, George Fitzhugh);
- über einen britischen Geistlichen und Sozialpolitiker, der - lange vor Eugen Böhm-Bawerk, Ludwig v. Mises und Friedrich von Hayek - die marxsche Politische Ökonomie widerlegte (Philip Wicksteed);
- über einen schwedischen Freigeist, der ein auf Freiwilligkeit beruhendes Steuersystem entworfen hat, das sich noch heute zu bedenken lohnt (Knut Wicksell).

Von Berufs wegen viel mit Sozial- und Einwanderungspolitik befasst, möchte ich hier im Blog einige Gedanken zur Malaise des Sozialstaats diskutieren, dessen europaweite Krise wir heutzutage erleben:

- die Zerstörung des Gemeinwesens und seiner wichtigsten Ressource, der Tugend, durch Gesellschafts- und Sozialpolitik;
- der Niedergang der rechtsstaatlichen Demokratie und ihre Ersetzung durch einen populistischen Maßnahmestaat;
- die Erzeugung von Erwerbslosigkeit und Unterbeschäftigung durch "Aufstocker"- und "Mindestlohn"-Gesetze;
- die Errichtung von Wagenburgen zur Abschottung gegen die Barbaren an unseren Grenzen.

Und wo bleibt das Positive? Was könnte das sein? Mit den Worten des englischen Lyrikers William Wordsworth gesagt: "Man's unconquerable mind" (To Toussaint L'Ouverture). Im Blog soll deshalb, wie auch vorher schon, immer mal wieder Platz sein für wiedergelesene und neu entdeckte Romane, Erzählungen, Gedichte und Musik: