3. November 2011

'Usura slayeth the child in the womb' - Christentum und Kapitalismus

Lukas Cranach d.Ä., Christus treibt die
Geldwechsler aus dem Tempel (1521)

"Usura slayeth the child in the womb
It stayeth the young man's courting
It hath brought palsey to bed, lyeth
between the young bride and her bridegroom

CONTRA NATURAM

They have brought whores for Eleusis
Corpses are set to banquet

at behest of usura."
(Ezra Pound, Canto LXV)

In stürmischen Zeiten erlebt eine Behauptung mit deprimierender Regelmäßigkeit ihre Wiederkehr: die Behauptung, das 'Zinssystem' sei die Wurzel allen wirtschaftlichen Übels.

Gern berufen sich auch Leute, die sonst dem katholischen Glauben indifferent oder feindselig gegenüberstehen, auf das mittelalterliche Zinsverbot und seine Verteidigung durch ehrwürdige Kirchenlehrer.

Ich will hier nicht die verwickelte und faszinierende Geschichte des christlichen Nachdenkens über wirtschaftliches Handeln verfolgen (eine sehr gute Darstellung findet man in Murray Rothbards zweibändiger "Austrian Perspective on the History of Economic Thought"), die sehr viel mehr Facetten aufweist, als die Antikapitalisten uns glauben machen wollen.

Stattdessen werfe ich hier einen Blick auf die Enzyklika 'Vix perenit' (1745) Benedikts XIV., in der dieser Papst noch einmal in aller Klarheit das Zinsennehmen als 'wucherisch' und 'ungerecht' verdammt:
"Die Sünde, die usura (Zinsnehmen, Wucher) heißt und im Darlehensvertrag ihren eigentlichen Sitz und Ursprung hat, beruht darin, daß jemand aus dem Darlehen selbst für sich mehr zurückverlangt, als der andere von ihm empfangen hat und zu diesem Zweck aufgrund des Darlehens selbst irgendeinen Gewinn über die Stammsumme hinaus als geschuldet beansprucht. Denn der Darlehensvertrag verlangt seiner Natur nach lediglich die Rückgabe der Summe, die ausgeliehen wurde. Jeder Gewinn, der die geliehene Summe übersteigt, ist deshalb unerlaubt und wucherisch."
Und weiter:
"Die Rechtsnatur des Darlehens fordert notwendig die Gleichheit von Gabe und Rückgabe. Wer immer, sobald diese Gleichheit einmal hergestellt ist, sich herausnimmt, von einem Darlehensnehmer auf Grund des Darlehens selber, dem durch die Rückgabe des Gleichen doch schon Genüge getan ist, noch mehr zu fordern, handelt offensichtlich gegen die Rechtsnatur des Darlehens. Folglich ist er, falls er etwas darüber hinaus empfangen hat, zur Rückerstattung verpflichtet kraft jener Gerechtigkeit, die man die Tauschgerechtigkeit nennt und deren Aufgabe es ist, in den menschlichen Verträgen die Gleichheit zwischen den Partnern gewissenhaft zu wahren und die nicht gewahrte genau wiederherzustellen."
Benedikt XIV. stellt hier zwei Formen des Tausches gegenüber: den gerechten Tausch von Gabe und Gegengabe, die beide gleichen Wertes sind, und den ungerechten Tausch, in dem für eine Gabe ein höherer Gegenwert verlangt wird. Diesen ungerechten Tausch sieht er in Darlehen verwirklicht, in denen der Gläubiger über die Rückgabe des geborgten Geldes hinaus auch noch ein Entgelt (Zins) verlangt.

Man muss klar sehen, dass die Enzyklika nicht etwa nur 'wucherische Zinsen' verurteilt, sondern das Zinsnehmen selbst für 'wucherisch' erklärt.

Die erste Frage, die sich mir aufdrängt, ist folgende: 

Ist es wirklich offensichtlich, dass gleiche Gaben getauscht werden, wenn ich heute etwas verleihe und es drei Monaten später zurückerhalte?

Schauen wir uns das einmal an einem sehr simplen Beispiel an:

Bauer A verleiht an Bauer B für drei Monate einen Pflug. Ist es 'gerecht', wenn Bauer B seinem Nachbarn diesen Pflug (und sonst nichts) nach drei Monaten zurückgibt?

Gewiss, der Gegenstand ist (wenn man einmal von der Abnutzung absieht) der gleiche.

Aber Bauer A hat ja nicht nur den Pflug aus der Hand gegeben, sondern eine Zeit lang auch auf seine Nutzung verzichtet. Hätte er ihn nicht verliehen, hätte er mit ihm vielleicht selbst ein Feld bestellen können, das nun unbestellt geblieben ist.

Und umgekehrt hat sein Nachbar den Pflug ja entliehen, um aus ihm Nutzen zu ziehen, den er mit Bauer A nicht teilt, wenn er nur den Pflug selbst zurückgibt. Und dann: Verleiht A seinen Pflug, läuft er das Risiko, ihn nicht oder nur beschädigt zurückzuerhalten.

Wenn A hier auf einen Zins verzichtet, etwa weil B in einer verzweifelten wirtschaftlichen Lage ist, wäre dies nicht einfach 'gerecht', sondern ein Akt christlicher Nächstenliebe.

Die Diskussion des 'Zinssystems' krankt daran, dass 'caritas' und 'justitia' regelmäßig verwechselt werden.

Verlassen wir den Bereich der Nachbarschaftshilfe - und das Kreditwesen hat mit Nachbarschaftshilfe eher wenig zu tun -, stellen sich drei Fragen:

Woran bemisst sich die 'Gerechtigkeit' von Tauschhandlungen?

Weiter: Gibt es einen alles verändernden Unterschied zwischen dem Tausch von Waren und Geldgeschäften?

Und schließlich: Ist der 'homo oeconomicus', der 'nur an seinen Nutzen denkt', überhaupt ein guter Christ?


... wird fortgesetzt

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