7. November 2011

Geschichte wird gemacht - Ein Gedicht Karl Krolows

Libysche Rebellen in Brega, März 2011

Um ihre Menschenrechte zu schützen, tötet ein Verteidigungsbündnis einige Tausend Zivilisten, und die siegreichen Demokraten beginnen die neue Ära mit einem Lynchmord. Geschichte wird gemacht.

Man tut gut daran, sich zu erinnern, wie alles anfing. Mit einem Brudermord, sagt uns die Heilige Schrift, mit einem grandiosen Gemetzel, sagt uns Homer.

Die Sieger versammeln sich zu einem Festgelage, und der Rhapsode würzt den Triumph mit dem Vortrag eines Heldengedichts.

"Von den Großen dieser Erde
Melden uns die Heldenlieder:
Steigend auf so wie Gestirne
Gehn sie wie Gestirne nieder."
(Bertolt Brecht, Ballade vom Wasserrad)

Eins-zwei-drei, eins-zwei-drei, rumtata-rumtata: an Rhythmen und Reimen ist etwas, das direkt ins Blut geht und uns zu Kopfe steigt. Man kann sich an Liedern so berauschen wie an starkem Wein.

"Wo man singt, da lasse dich ruhig nieder, denn böse Menschen kennen keine Lieder."
Ach, wirklich?

Karl Krolow (1915 - 1999) hatte in seiner Jugend zu viele böse Lieder

("Wenn der Sturmsoldat ins Feuer geht.
Ei, dann hat er frohen Mut.
Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt.
Dann geht's nochmal so gut.")

gehört und gesungen, als dass er dieser naiven Versicherung noch Glauben schenken konnte.

Er wollte kein Rhapsode sein. Seine Gedichte sind Triumphgeheul so fern wie nur irgend möglich. Statt Siegesgeschichten zu besingen, denkt er über Geschichte nach, etwa in seinem Gedicht*.

Historie
Männer trugen über den Platz eine Fahne.
Da brachen Centauren aus dem Gestrüpp
Und zertrampelten ihr Tuch
Und Geschichte konnte beginnen.
Melancholische Staaten
Zerfielen an Straßenecken.
Redner hielten sich
Mit Bulldoggen bereit,
Und die jüngeren Frauen
Schminkten sich für die Stärkeren.
Unaufhörlich stritten Stimmen
In der Luft, obwohl sich
Die mythologischen Wesen längst
Zurückgezogen hatten,

Übrig blieb schließlich die Hand,
Die sich an eine Kehle legt.

Ein Kentaur im Kampf, Quelle: Wikipedia

Nein, ein Triumphgesang ist das wirklich nicht. Aber ist es überhaupt ein Gedicht? Oder nicht doch nur ein in Zeilen gebrochenes Stück Prosa?

Es steht wohl an der Grenze. Liest man es laut, hört man durchaus Echos alter Rhythmen - klingt nicht hier und da sogar ein Hexameter an? Krolow hätte wohl leicht auch eine klassische Elegie schreiben können. Es ist nicht das Unvermögen, Schritt zu halten, sondern die Weigerung, im Gleichschritt zu marschieren, die ihn die Form zerbrechen lässt.

Ein noch stärker prosaisches Element als die Fragmentierung der Rhythmen findet sich in der zwölften Zeile: das Wort "obwohl", das hier vermutlich seinen ersten Auftritt in einem Gedicht hat. Es markiert die Gegenwart eines Sprechers, der nicht nur das Gesehene zur Sprache bringt, sondern der es auch bedenkt.

'Geschichte' ist nicht 'Geschehen', Ergebnis des Waltens blinder Naturkräfte**, das sich mühsam in eine Chronologie bringen lässt. Geschichte ist Bericht von den Folgen menschlichen Handelns, und Krolow erinnert uns daran.

Wenn wir über das Böse sprechen, lieben wir es, es mit Tiermetaphern zu beschreiben ('brutal': lat. brutalis: tierisch), es also für un-menschlich zu erklären. Das aber ist nicht Krolows Sicht der Dinge.

Die Dämonen, das sind nicht antike Fabelwesen; die Dämonen sind wir***.
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*aus: Karl Krolow, Gesammelte Gedichte, Ffm 1975

**Wie kommen Kentauren in ein Gedicht über Geschichte? Nun, von ihnen erzählen uns die antiken Mythen, dass es sich hier um dämonische Mischwesen aus Pferd und Mensch handelte, wild und lüstern; die überlieferten Kentauromachien zeigen sie uns im Kampf mit den Lapithen, über deren Frauen sie bei einem Hochzeitsgelage herfielen. Geschichte konnte beginnen.

***“Das Christentum liegt dem Menschen nicht, aber – er selbst liegt sich nicht. Er ist mit sich selbst in der unbequemsten Lage, ja, er hat Grund, sich vor sich selbst zu fürchten: Denn er hat sich als von Grund auf dämonisches Wesen. Das erkennt er und kann er anerkennen, weil etwas in ihm darüber ist, was zu ihm sagt: Du bist dämonisch. Und dieses andere ist ihm Bürgschaft seiner letzten Bestimmung, dass er seiner inneren Dämonie und auch seines pandämonischen Liegens in Natur und Geschichte irgendwie und irgendwann überhoben werde.

Das aber kann nicht sein eigenes Werk sein, weil sein Handeln nicht seine Natur überschreiten kann; er wird rufen und sich bereiten müssen, dass das Reich der Erlösung auf ihn zukomme; er muss gewärtig sein, dass es fremd und unbegreiflich auf ihn zukommt – was wäre ihm mit einem Reich nach eigenem Wunsch und Maß geholfen, da es doch das Eigene ist, das immer Arge, womit er zu kämpfen, woran er zu leiden hat.” (Joseph Bernhart: Chaos und Dämonie, (1950), Weißenhorn 1988, S. 167)

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