4. August 2011

Obama, Alinsky und noch einer

 Barack H. Obama an der University of Chicago Law School

Barack H. Obama wird heute 50. Seine Karriere - vom community organizer zum US-Präsidenten - ist in vieler Hinsicht bemerkenswert: Nicht nur ist er der erste amerikanische Präsident mit afrikanischen Wurzeln; er ist auch einer der jüngsten: nur Ulysses S. Grant, Theodore Roosevelt, John F. Kennedy und William J. Clinton waren bei ihrer Amtsübernahme jünger als er.

Obama dürfte auch der erste US-Präsident sein, der als Mittdreißiger eine Autobiographie vorgelegt hat. "Dreams from My Father" (1995) ist ein lesenswertes Buch. Es zeigt den jungen Obama als Kind einer tief gespaltenen Gesellschaft und als verspäteten Anhänger der Bürgerrechtsbewegung. Sein Vorbild war allerdings nicht Martin Luther King, sondern der linksradikale Graswurzel-Aktivist Saul Alinsky (1909 - 1972). Alinsky ist der geistige Vater des sogenannten "community organizing", das hierzulande oft als "Gemeinwesenarbeit" missverstanden wird.

Alinsky ist in Deutschland nur wenig bekannt. Sein Hauptwerk "Rules for Radicals" - 1982 als "Die Stunde der Radikalen" übersetzt - hat hierzulande nur wenige Leser gefunden. Dem deutschen Ruf Obamas kann das nur nützen.

"Rules for Radicals" beginnt, off-putting enough, mit einer Widmung an Satan:
“Lest we forget at least an over-the-shoulder acknowledgment to the very first radical: from all our legends, mythology, and history (and who is to know where mythology leaves off and history begins — or which is which), the first radical known to man who rebelled against the establishment and did it so effectively that he at least won his own kingdom — Lucifer."
Die geschmacklose Selbstinszenierung eines ungestümen Jungspunds? Nein, Alinsky war 62, als er diese Widmung verfasste. Eine dandyeske Reminiszenz an die frühen 'Satanisten' Lord Byron und Baudelaire? Auch eher unwahrscheinlich, denn Alinsky war ein durch und durch unromantischer Machtmensch.

In "Rules for Radicals" adressiert ein alternder Linksradikaler die Neue Linke und belehrt sie über Strategie und Taktik des revolutionären Kampfes. Alinsky unterstreicht seine Solidarität mit ihren Zielen, belehrt sie aber, dass ihre Agitation und Propaganda desaströs seien. Sein Buch soll dazu dienen, sie von Narrheiten wie dem Verbrennen der amerikanischen Flagge abzubringen und in die Kunst der politischen Kommunikation einzuweihen.

Alinsky belehrt seine Leser zunächst über die Ethik von Zweck und Mittel. Sein Ziel, die Revolution, heiligt die Mittel, denn: "In war the end justifies almost any means." (S. 29) Ein Beispiel gefällig?

Alinsky erzählt, dass eine US-Firma während eines Arbeitskampfs drohte, ein kompromittierendes Foto (seine Hotelregistrierung mit einer unverheirateten jungen Frau) zu veröffentlichen. Diese Drohung schien ihm lachhaft (das Mädchen war volljährig); das Foto wurde nie veröffentlicht. Wenig später bot ihm ein Angestellter der Firma (ein fellow traveller der Kommunisten) ein Foto an, das die homosexuellen Neigungen eines politischen Gegners belegte. Alinsky lehnte es ab, dieses Foto zu benutzen, fährt dann aber fort:
"If I had been convinced that the only way we could win was to use it, then without any reservations I would have used it. What was my alternative? To draw myself up into righteous 'moral' indignation, saying: 'I would rather lose than corrupt my principles', and then go home with my ethical hymen intact?" (S. 33)
Alinskys lernte seinen Machiavellismus in den zwanziger Jahren. Damals freundete er sich im Rahmen einer 'teilnehmenden Beobachtung' mit den Mafia-Bossen von Chicago an. In einem Interview, das er kurz vor seinem Tode gab, erläutert er:
"I was a nonparticipating observer in their professional activities, although I joined their social life of food, drink and women: Boy, I sure participated in that side of things -- it was heaven. And let me tell you something, I learned a hell of a lot about the uses and abuses of power from the mob, lessons that stood me in good stead later on, when I was organizing. (...) The Capone gang was actually a public utility; it supplied what the people wanted and demanded. The man in the street wanted girls: Capone gave him girls. He wanted booze during Prohibition: Capone gave him booze. He wanted to bet on a horse: Capone let him bet. It all operated according to the old laws of supply and demand, and if there weren't people who wanted the services provided by the gangsters, the gangsters wouldn't be in business. Everybody owned stock in the Capone mob; in a way, he was a public benefactor." (Playboy-Interview 1972)
Alinsky unterstreicht, Strategie und Taktik des 'organizing' vom mob im allgemeinen und von dem Mafiaboss Francesco Raffaele Nitto im besonderen gelernt zu haben. Dass er hier nicht nur prahlt, wird glaubhaft, wenn man an das enge Bündnis zwischen Mafia und organisierter Gewerkschaftsbewegung denkt (Cineasten werden sich an die Darstellung dieses Bündnisses in "Once Upon a Time in America" erinnern).

Alinsky selbst hat in seiner politischen Karriere nur allzuoft Mafia-Methoden (Bedrohung, Erpressung, Bloßstellung und Demütigung) angewandt. Dennoch greift es zu kurz, ihn nur als Beispiel politischen Gangstertums in den USA zu verstehen: Die Mafia kannte kein anderes Ziel als die persönliche Bereicherung; Alinskys Machiavellismus hingegen steht im Dienst einer Ideologie.

Nein, Alinsky war kein Marxist, auch wenn er sich in "Rules for Radicals" auf Lenin und Mao beruft. Sein Glaube lässt sich am ehesten als Manichäismus begreifen. Die Welt ist Schauplatz eines ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen den Haves und den Have-Nots. Sobald die Have-Nots die Macht erobert haben, verwandeln sie sich in Haves, und eine neue Unterklasse von Have-Nots entsteht, die die endlose Revolte fortführt (S. 18ff). Zwischen herrschender und beherrschter Klasse stehen die Have a Little, Want Mores, die für die Revolution zu gewinnen das Ziel sein muss. Diese Mittelschicht gewinnt man aber nur durch Verstellung und Täuschung, indem man vorgibt, dem System zu dienen, das man in Wirklichkeit zerstören will.

Als Beispiel für diese Täuschungstaktik erzählt Alinsky (S. 94) von seiner Zusammenarbeit mit der katholischen community von Chicago, vor der er verbarg, Anhänger von Geburtenkontrolle und freier Abtreibung zu sein:
"If I had tried to communicate this (...) I would have been stamped as an enemy of the church and all communication would have ceased."
Alinsky schwieg und erhielt 1969 vom Bistum Davenport den katholischen Pacem in Terris-Award. Er dankte der Kirche, indem er sein Vermächtnis "Rules for Radicals" dem Satan widmete.

Kommentare:

OneBBO hat gesagt…

Außer mir weiß vermutlich jeder Leser hier, was Manichäismus ist?

Ich habe mir erlaubt in Wikipedia nachzuschlagen... dort gibt es was dazu.

Morgenländer hat gesagt…

Liebe OneBBO,

auf den Vergleich mit der, zugegeben etwas abseitigen, Religion der Manichäer bin ich durch eine Lektüre von "The New Science of Politics" gekommen, in dem der deutsch-amerikanische Philosoph Eric Voegelin die geistigen Wurzeln moderner Ideologien untersucht.

Der Blogger "Aus dem Hollerbusch" hat dazu einen sehr interessanten Post veröffentlicht.

Über Obamas politische Erziehung findet sich im Netz ein sehr interessanter Beitrag aus unverdächtiger Quelle: "The Agitator - Barack Obama's unlikely political education".

Alinsky war übrigens nicht nur Obamas Lehrmeister. Auch die gegenwärtige US-Außenministerin Hillary Clinton ist bei ihm in die Schule gegangen. Ihre 1969 geschriebene College-Abschlussarbeit hatte Alinsky zum Gegenstand; sie ist mittlerweile im Netz nur noch schwer zu finden.

Viele Grüße
Morgenländer