31. August 2011

Der Wiesenbewisperer

Große Bibernelle

In der vergangenen Woche hab' ich hier ein paar Worte über Gottfried Benn verloren, aber, ehrlich gesagt, gebe ich den ganzen Benn für eine Handvoll Gedichte von Wilhelm Lehmann.

Während die melodischen und suggestiven Verse Benns eigentlich immer hoch im Kurs standen, wird der spröde Lehmann nur von wenigen gelesen. Seine von Klett Cotta verlegte Werkausgabe ist zwar weiterhin lieferbar, doch Auswahl- und Taschenbuchausgaben gibt es schon seit Jahren nicht mehr.

Und wie schade ist das!

Unerklärlich sind die unterschiedlichen Geschicke nicht:

Benn bedient das metaphysische Bedürfnis der Deutschen; er ist, wenn man so will, der Schiller des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie der schwäbische Klassiker greift er philosophische Trends auf und verdichtet sie zu einprägsamen Versen. Gesungener Nietzsche, könnte man sagen, so wie Schillers Gedichte kantige Deklamationen sind.

Der Holsteiner Lehmann (1882 - 1964) ging andere Wege.

Er suchte die Poesie nicht in suggestiven Rhythmen und aufgeladenen Signalworten, sondern verstand Dichtung als das Zur-Sprache-Bringen der unscheinbaren natürlichen Welt. Nicht weniger philosophisch gebildet als Benn, misstraute er doch der Abstraktion und verließ sich auf den Sinn, der in den Dingen aufscheint:
"Die ganze Arbeit der Dichtung besteht darin, ihr Instrument, die Sprache, schon an sich kühlende Abstraktion, so zu führen, dass sie der sinnfälligen Tat der Welt gerecht werde, also der Tendenz zur Abstraktion entgegenwirke." (Werkausgabe, Band 6, S. 485)
Jeder, der viel mit Gedichten umgeht, hat vermutlich eine Handvoll 'Lieblingsgedichte', die ihn wie Talismane durch den Alltag begleiten. Oft tauchen sie in keinem Kanon deutscher Literatur auf, außer dem je eigenen.

Einer dieser persönlichen Talismane ist für mich seit dreißig Jahren Lehmanns
Oberon
Durch den warmen Lehm geschnitten
Zieht der Weg. Inmitten
Wachsen Lolch und Bibernell.
Oberon ist ihn geritten,
Heuschreckschnell.

Oberon ist längst die Sagenzeit hinabgeglitten.
Nur ein Klirren
Wie von goldnen Reitgeschirren
bleibt,
Wenn der Wind die Haferkörner reibt.
'Was aber bleibet, stiften die Dichter", schrieb Hölderlin vor etwas mehr als zweihundert Jahren; der Spätgeborene Lehmann antwortet ihm über die Jahrhunderte hinweg: Auch was bleibt, geht stiften.

Die Welt, die wir bewohnen, ist nie einfach gegeben; sie ist je schon gedeutete und als ausgesagte Sagen-Welt.

Diese 'Sagen', die der Welt Sinn und Richtung und uns Orientierung geben, wachsen auf einem Boden des Ungesagten, erst noch zu Sagenden.

Das Ungesagte Wort werden zu lassen, die "Antwort des Schweigens" (so der Titel des ersten von Lehmann veröffentlichten Gedichtbandes*) zu geben, sah Lehmann als Werk des Dichters.
"Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, dass alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer herrscht: das wäre gewissermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte."
Immer schon gab es Ideologen, Philosophen, Feuilletonisten und leider auch Dichter, denen kreatürlichen Respekt vor der Schöpfung zum Ausdruck zu bringen, als ein leichtgewichtiges, kleingeistiges Programm gilt (so schalt Benn die Naturlyriker aus Lehmanns Umkreis verächtlich  "Wiesenbewisperer").

Denen unter uns aber, die den megalomanischen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts misstrauen und die die Bewahrung der uns anvertrauten Schöpfung als anspruchsvolle Aufgabe begreifen, wird Wilhelm Lehmann ein verlässlicher Weggenosse sein.

*"Antwort des Schweigens" (heute in: Gesammelte Werke Bd. 1, Klett-Cotta, 1982) erschien 1935 im Widerstands-Verlag des Antifaschisten Ernst Niekisch. Man mag den Titel dieses Gedichtbandes auch als leise Kritik am Getöse der marschierenden Braunhemden deuten.

Kommentare:

frank hat gesagt…

Sicherlich, die "Genauigkeit des Sehens", um der "Tendenz zur Abstraktion" entgegenzuwirken (gegen die Tendenz zur Plattitüde, zum Kitsch, zur funktionalen Sterilität, zur metaphysischen Gewissheit, zum Nihilismus usf.), steht sicherlich nicht im Verdacht megalomanischer Erlösungs- oder Untergangsphantasien zu bedienen. "Das Ungesagte Wort werden zu lassen" widerspricht aber auch nicht dem Bennschen "Programm", oder ("Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ...")? Vielleicht zwei unterschiedliche Farbtemperaturen mit ihren je eigenen Stärken und Schwächen. Schwer erträglich bei Benn - zuweilen: der Pathosbelag (und auf der anderen - lehmannschen - Seite: Niedlichkeit???). Hingegen: Blick auf unsere "Unbehaustheit", mit ihrem Schrecken / ihrer Freiheit - das steht dem Staunen über die Gefasstheit des je singulären Seins nicht nach; von Zeit zu Zeit, von Stimmung zu Stimmung ;-)

naturgesetz hat gesagt…

This may seem to be going from the sublime to the ridiculous, but your quote of Nietzsche — in a comment on an earlier post — to the effect that without music, life is a mistake, reminded me of W.S. Gilbert's question: "What, we ask is life without a touch of poetry in it?"
http://www.youtube.com/watch?v=O6uO4adk5u4&NR=1
Putting "Hail, Poetry" on the lips of pirates is, of course, part of Gilbert's nonsense, but Savoyards seem to take it as their anthem.

Here's another performance, where the audience recognizes the ridiculousness of attributing such sublime thoughts to pirates, but the performers have some nice gestures to accompany the words.
http://www.youtube.com/watch?v=xg_zS5K2DZ8

Anyway, I like the chorus both for the music and for the praise of poetry. Over on Lunario's blog I was tempted to quote Cicero, but he is speaking of poetry and literature, not language study, so it belongs rather here.
"Nam ceteræ neque ætatum sunt omnium neque temporum neque locorum. At hæc studia adulescentiam alunt, senectutem oblectant, secundas res ornant, adversis perfugium ac solacium præbent, delectant domi, non impediunt foris, pernoctant nobiscum, peregrinantur, rusticantur."* (I'm going from a memorization that was done about 52 years ago, so I may have got a word or two wrong, but I think that's about it.)

Lehmann seems to have a good concept of poetry, if I have understood the quotes you gave, and the image of the effect of Oberon's riding through the oats is striking.

*I've made a couple of corrections: changed one word and corrected the word order in the first sentence, changed "nec" to "neque," also changed gender of "ceteræ." The last change seems ungrammatical, but it's how I remember it.

Morgenländer hat gesagt…

@Frank:

Vielleicht bin ich Benn gegenüber etwas ungerecht (letzte Woche habe ich ja zwei sehr schöne Gedichte von ihm zitiert), aber in meinen Augen bedient er ein Bedürfnis, dem ich zutiefst misstraue: das Bedürfnis zu philosophieren, ohne zu philosophieren, also philosophische Aussagen zu machen, ohne sich der Disziplin des stringenten Argumentierens zu unterwerfen.

Und 'Niedlichkeit'? Lehmann wirft einen sehr nüchternen Blick auf die Welt. So heißt es etwa in dem Gedicht "Blick auf Rom":

"Im Boden verschollen
Triumphgeschrei, Geheul und Gelächter,
Alle Opfer und alle Schlächter."

Recht hast du aber auf jeden Fall mit deinem Hinweis, dass Benns poetisches Programm dem Lehmannschen nicht unbedingt widerspricht; und das von dir zitierte Benn-Gedicht gehört wohl zu den schönsten und gültigsten Benns überhaupt.

@Naturgesetz:

Your command of Latin is obviously far better than mine. I had to read your quote from the "Orationes" twice.

Thanks for your links to the videos. I´m a huge fan of W.S. Gilbert. If only we Germans had comedians like him and Wodehouse (well, actually we have: Max Kommerell in his Kasperle plays, but he is nearly unread today).

As for the "Oberon": it was exactly the image you are referring to which drew my attention to Lehmann in the first place. By the way: Did you notice the unobtrusive wordplay "Lehm - Lehmann"?

naturgesetz hat gesagt…

If I hadn't had to memorize the quote in high school, I would probably have needed to read the passage more than twice and consult a Latin-English dictionary. So I don't think my shaky memory proves that my command of Latin is in any way superior to (or even the equal of) yours.

Word verification: fradr — Old Gothic cognate of frater? ;)