11. November 2010

In einem zerrissenen Land - Walter Scotts "Heart of Midlothian"

 Sir Walter Scott (1771 - 1832), portraitiert von Sir Henry Raeburn

"Heart of Midlothian"
wird den Fussballfans unter den Lesern dieses Blogs als der Name eines schottischen Fussballvereins bekannt sein. Bei Wikipedia heißt es, die Hearts seien nach einem Edinburger Tanzsaal benannt, der wiederum seinen Namen einem Roman* von Sir Walter Scott verdanke. Das ist aber nur die halbe Geschichte: Heart of Midlothian nannten die Edinburgher mit sehr schottischem Humor das 1817 abgerissene Stadtgefängnis, und dieses Gefängnis steht im Mittelpunkt des historischen Romans von Scott, den ich hier heute vorstellen möchte.

Wer an Scotts historische Romane denkt, dem wird zuerst der Ritterroman "Ivanhoe" einfallen, tatsächlich aber spielen die wenigsten Romane Scotts im Mittelalter; an heutigen Maßstäben gemessen, würde man viele von ihnen sogar kaum als 'historische Romane' bezeichnen. Dies gilt auch für "Heart of Midlothian", in dessen Mittelpunkt die Porteous Riots stehen, ein Aufruhr, der sich 1736 in Edinburgh ereignete, also nur etwa achtzig Jahre vor Erscheinen des Romans.

John Porteous war Hauptmann der Stadtwache. Er zog sich den Hass der Edinburgher zu, als er nach der Hinrichtung eines Schmugglers auf die aufgebrachte Menge schießen ließ, die sich vor dem Hinrichtungsplatz versammelt hatte. Porteous wurde zum Tode verurteilt, dann aber begnadigt, was die Edinburgher so erzürnte, dass sie das Stadtgefängnis stürmten, Porteous lynchten und die Insassen des Gefängnisses befreiten.

Scott verwebt diese geschichtlichen Tatsachen geschickt in eine ebenso abenteuerliche wie bewegende Erzählung: Eine der Gefangenen - und jetzt sind wir im Bereich der Fiktion - macht von der Möglichkeit der Flucht keinen Gebrauch: Effie Deans, ein 18jähriges Mädchen, dem wegen Kindesmords der Prozess gemacht werden soll. "Lieber das Leben, als den guten Namen verlieren", entgegnet die Tochter eines strengen Calvinisten den Aufständischen, die sie zur Flucht überreden wollen. Das Gericht, vor dem sie sich dann verantworten muss, lässt sich von ihrer Unschuld aber nicht überzeugen, denn das Baby der ledigen Effie, die ihre Schwangerschaft vor jedermann verborgen hatte, war und blieb verschwunden, was seinerzeit als hinreichende Indizien des Kindesmordes galt. Jeanie Deans, die Schwester der zum Tode verurteilten jungen Frau, mag sich mit dem Verdikt des Gerichts nicht abfinden und macht sich zu Fuss auf den Weg nach London, um einen königlichen Gnadenakt zu erwirken.

Scott zeichnet in seinem Roman ein außerordentlich lebendiges Bild Schottlands, das sich mit der englischen Vorherrschaft ebenso wenig arrangieren konnte wie mit dem religiösen Kompromiss der Church of England. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist Scotts Fähigkeit, sich in fremde Lebens- und Denkweisen hineinzuversetzen. Seine Protagonisten sind keine Regency-Briten in historischen Kostümen, sondern glaubhafte Charaktere aus einer anderen Zeit mit Überzeugungen, die dem nüchternen Schotten sehr fremd gewesen sein müssen, die er aber mit viel Sympathie und Verständnis zeichnet.

"The Heart of Midlothian" ist ein langer Roman und nicht ohne Schwächen. Die 'Guten' sind vielleicht eine Spur zu gut, die 'Bösen' eine Spur zu schurkisch, und das happy end ist vielleicht doch etwas zu konstruiert. Das fällt aber, wenigstens für mich, wenig ins Gewicht angesichts der unvergleichlichen Stärken des Buches:  die überaus lebendige Evokation von Land und Leuten um 1750; eine ebenso unwahrscheinliche wie beeindruckende Heldin; eine unerschöpfliche Fülle faszinierender Nebenfiguren; und ein Erzähler, der trotz der vielen Fäden seiner Erzählung nie den Überblick verliert, der das Geringste mit dem Gewichtigsten zu verknüpfen weiß und dem es so gelingt, das unvergessliche Portrait eines zerrissenen Landes zu zeichnen.

Sir Walter Scott ist - wie "The Heart of Midlothian" eindrucksvoll zeigt- neben Stendhal, Manzoni und Tolstoi einer der wenigen großen Epiker der Moderne.

* Wikipedia spricht fälschlich von einer Novelle.

Kommentare:

naturgesetz hat gesagt…

This is fascinating. I had known of the title, "Heart of Midlothian," but I had never known what the novel was about. I never would have suspected that the title referred to a prison, and the story of John Porteous was quite interesting. My German is weak, and it took me a while to slog through the post, but it was worth it.

Morgenländer hat gesagt…

Hollywood has badly damaged Scotts reputation by filming his weakest novel. Years ago, a friend of mine recommened his novels to me. I was quite surprised believing Scott to be a sentimental romancer. In fact, he's quite the opposite - one of the very few novelists of the 19th century who had a real grasp of history.