26. November 2010

Freiwillig katholisch

Neulich fragte mich ein Bekannter, der im Blog gelesen hatte, dass ich meine ersten Lebensjahre als Protestant zugebracht habe, ziemlich erstaunt und eine Spur irritiert: "Wie, du bist freiwillig katholisch?" Bis dato hatte er mir wohl mildernde Umstände zugestanden in der Annahme, meine Eltern seien an diesem fatalen Schicksal schuld. Sein Stirnrunzeln und seine besorgte Miene signalisierten die Frage: "Wie kann man nur freien Willens in den mittelalterlichen Gewissenskerker zurückkehren, dem entkommen zu sein alle intelligenten Menschen froh und glücklich sind?"

Das möchte ich heute in ein paar Zeilen erklären (keine Angst, ich fange nicht bei Ambrosius von Mailand an, und die vertrackte Frage des 'sola fide' wird hier auch nur gestreift).

Dorfkirche in Munkbrarup

Die St. Laurentiuskirche in Munkbrarup, in der ich getauft worden bin, ist eine schlichte Granitkirche aus dem 12. Jahrhundert. Sie bildet den Dorfmittelpunkt und ist wegen ihres leicht erhöhten Standorts weithin sichtbar.  Dutzende Generationen von Bauern und Handwerkern sind hier getauft, konfirmiert, getraut und beerdigt worden. Nach ihrem Selbstverständnis waren sie nicht Katholiken oder Protestanten, sondern Christen. Über alle Familienfehden und allen dörflichen Hader hinweg einte sie der Glaube an einen gnädigen Gott, der sie durch seinen Sohn vor Tod und Verdammnis gerettet hatte.

Schon der Name des kleinen Dorfes erinnert an seine Geschichte mit Gott, denn errichtet wurde seine Kirche von Zisterzienser-Mönchen, die einige Kilometer entfernt im Rude-Kloster beteten und arbeiten. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster säkularisiert, die Mönche vertrieben; 1582 ließ der Herzog von Schleswig-Holstein-Sonderburg es dem Erdboden gleichmachen und errichtete auf seinem Grund das bekannte Wasserschloss Glücksburg. Der Landesherr war dann jahrhundertelang - bis zum Ende der Monarchie 1918 - auch oberster Kirchenherr. Die Spannung zwischen Zeitlichem und Ewigen, weltlicher und geistlicher Macht wurde einseitig zugunsten des Vergänglichen aufgelöst: so jedenfalls lese ich diese Geschichte heute.

Bei der Konfirmation gab mein Pastor mir einen Satz aus dem Brief des Paulus an die Korinther mit auf den Weg:
"Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." (3, 1)
Es ist das Nachdenken über diesen Satz gewesen, das mich auf den Weg zurück in die Kirche gebracht hat, die meine Vorvorfahren im 16. Jahrhundert verlassen haben, als sie auf geweihtem Grund ein Lustschloss errichteten, denn ich denke - ich glaube -, dass der Versuch des Menschen, sich auf sich selbst zu gründen, notwendig scheitert: Der leiseste Zweifel an den falschen Gewissheiten lässt uns ins Bodenlose stürzen, weshalb die Neuzeit uns immer neue Mittel anbietet, mit denen wir die Stimme des Zweifels ins uns betäuben.

Hört man dagegen auf diese eindringliche Stimme des Zweifels, meint man zwar, ins Bodenlose zu fallen - tatsächlich bietet dieser Sturz ins Bodenlose aber die Chance, sicher auf dem Grund zu landen, den Gott in Christus für uns gelegt hat.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Würden Sie noch ein wenig schildern wollen, wie das Nachdenken über den Paulus vers zurück in die Arme der katholischen Kirche führt?

Ich kann mir vorstellen, dass dies nicht allen gläubigen Protestanten als Automatismus erscheint.

gruesse aus wien

Morgenländer hat gesagt…

"Ich kann mir vorstellen, dass dies nicht allen gläubigen Protestanten als Automatismus erscheint."

Nein, sicherlich nicht. Gläubige Protestanten würden dem Katholiken wohl sogar eher vorhalten, nicht allein auf Christus zu bauen, sondern Tradition und menschlicher Vernunft zu viel Raum zu geben.

Der Beitrag war auch mehr autobiographisch als konfessionell-polemisch gemeint: Ich war lange Jahre überzeugt, dass sich beispielsweise ethische Normen ohne Rückbezug auf das göttliche Gebot letztbegründen lassen; das sehe ich nicht mehr. Dies nur als ein Hinweis.

Dass ich mich dann auf den Weg in die katholische Kirche begeben hatte, hatte vielerlei Gründe, aber letztlich doch nur den einen: dass ich in ihr deutlicher als anderswo die von Christus gegründete Kirche erkenne.